Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckmäßiges mäßiges Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s von einer etwas anderen Auffassung aus. Er behauptet, daß alles Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so geartet, daß seine "Folgen" uns zu Handlungen führen, die bestimmte praktische Bedürfnisse befriedigen. Der "Sinn" eines Gedankens falle zusammen mit dem Inbegriff aller möglichen praktischen Verhaltungsweisen, die er "leiten" und "führen" könne; und "wahr" sei ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsnützlich seien und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterführen. Peirces "Erkenntnis" wird hier ähnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem "Formen" und "Gestalten" einer zunächst völlig indifferenten chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller). Der letzte Beweis z. B. für den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c h t, die sie uns über die Natur gibt, also Technik und Industrie; die Arbeit an den Dingen gehe überall der Erkenntnis vorher und die Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen unsere Bearbeitung der Welt praktisch reüssiere. In Deutschland ist diese völlig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende amerikanistische Theorie — besonders widerlich, wenn sie zur Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie sie in W. James' "Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung" — mit einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herrührt (siehe besonders "Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde. Die "Modifikation" besteht in folgendem: Während die angelsächsische Theorie des "Pragmatismus" die Lautverbindung "wahr" geradezu als "praktisch brauchbar" definiert, hält Vaihinger im Grunde den a l t e n Wahrheitsbegriff fest, schränkt aber das unmittelbar "Wahre" ein auf das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist. Alles, was darüber hinausragt — seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z. B. ideales Gas, Adam Smiths "eigensüchtiges Wirtschaftssubjekt" usw.), seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z. B. Äther, aber auch Gott, unsterbliche Seele), das heißt das denkbar Verschiedenartigste und logisch Verschiedenwertigste — faßt Vaihinger unter den Begriff "Fiktion" zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, daß die F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber sei, und daß zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A. Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers philosophischen Gedichten gewonnene "Begriffsdichtungs" gedanken von der Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der einzige Unterschied sei, daß die e i n e Fiktion praktisch brauchbar sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem ästhetischen Genusse diene. Dazu trat, wie gesagt, der Einfluß Nietzsches. Dies ist der einzige konstatierbare Einfluß, den Nietzsche, der ja auch den "Wert der Wahrheit" in Frage gezogen hatte (siehe schon "Unzeitgemäße Betrachtungen") und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des "Willens zur Macht" sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland ausgeübt hat. In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausführungen ist Vaihingers Werk sehr anregend. Die Art, wie es die bekannten kantischen Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband für historisch grundirrig. Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z. B. man solle auf den kategorischen Imperativ hören, "als ob" er ein göttliches Gebot wäre) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v i e r u n g der Realsetzung Gottes von Motivierung durch theoretische Begründung scharf zu unterscheiden. Die Realsetzung selbst ist aber auf diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch theoretische Erkenntnis; ja noch ernster — nämlich im Sinne von metaphysischer, nicht nur empirischer Realität; der Gedanke der "Fiktion" oder gar bewußter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant völlig fern. Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den größten Mißgriff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten Jahrzehnten getan hat. Um so interessanter ist seine starke Verbreitung — ein wenig erfreulicher Ausdruck für die Mentalität weiter Kreise.

Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den Übergang bildet zu einer Reihe höchst bedeutsamer Versuche der W i e d e r e r w e c k u n g d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter Wust: "die Auferstehung der Metaphysik"). Diese Erscheinung ist nicht nur auf Deutschland beschränkt; auch in Frankreich, England und Amerika sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d gedrängt. (Vgl. dazu K. Oesterreich [sic]: "Die philosophischen Strömungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen Übergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v. Hartmann) gehen in ihrer Art der Begründung des Realismus freilich noch weit auseinander. Im großen ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des intuitiven und voluntativen Realismus. Gerade die historisch älteste dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in gewissem Sinne gegenwärtig wieder neues Interesse. Wie ich schon sagte, ist es ein eigentümliches Zeichen der letzten Philosophie, daß überhaupt die scholastische Philosophie in lebendigen Denkverkehr mit der modernen Philosophie getreten ist. Ein Grund dafür ist, daß die moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist. So gleicht zL. B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche "Gedächtnis und Materie" zu zeigen, wie ein ursprünglich unmittelbar gegebenes S e i n in die Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen neurealistischen Versuche (F. J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.) methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen nach auf ein Seinsverhältnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an einem anderen, zurückzuführen. Bergsons und anderer Versuche (auch Meinong und H. Schwarz in seinem Buche "Die Umwälzung der Wahrnehmungshypothesen" wären hier zu nennen), die Lehre von der O b j e k t i v i t ä t der Sinnesqualitäten wieder neu zu begründen, haben gleichfalls erkenntnistheoretisch in die Nähe der scholastischen Positionen geführt. H. Driesch kam durch seine modifizierte Wiedereinführung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der Scholastik weit entgegen. Andererseits hat die scholastische Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem Standort aus scharfsinnig zu bemächtigen. Abgesehen von den neuen Erschließungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe besonders seine höchst wertvolle "Geschichte der scholastiscben Methode" und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und Baumgartens und dieser beider Schüler verdanken, sind auch selbständigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings hervorgetreten, so z. B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und besonders J. Geyser, der in seinen der Psychologie, der Logik, der Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in seinem Buche über Husserl und eine Verknüpfung ("Neue und alte Wege der Philosophie") der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie anstrebt. Das große psychologische Sammelwerk von Fröbes und die Arbeiten des aus der Külpeschen Schule hervorgegangenen Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders "Das schlußfolgernde Denken", 1916, "Experimentelle Psychologie", 1921) haben ferner die scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng verknüpft. In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten "kritischen Realismus", der eine reale Welt erst mittels schließender Denkakte gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer Gegenstände erblickt und der überdies auf das Problem der modernen Philosophie: "Wie kommen wir zu einer realen Außenwelt?" von seinem Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur modernen Philosophie (seit Descartes) von der primären Gegebenheit eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das ens reale vom ens intentionale die Möglichkeit von Bewußtsein und Erkenntnis verständlich machen möchte. Aber auch der altscholastische Realismus hat gegenwärtig eine alle wesentlichen Tatsachen der Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher für die sogenannte sekundäre Natur aller oder einiger Sinnesqualitäten vorgebrachten Argumente berücksichtigende, sehr scharfsinnige und beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden Büchern: "De cognitione sensuum externorum", Rom 1913, und in deutscher Sprache in dem kürzlich erschienenen "Unsere Außenwelt, eine Untersuchung über den gegenständlichen Wert unserer Sinneserkenntnis" (1921). Der vom Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Phänomenolgie ist trotz verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenständlichkeit und Realität der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die Konsequenzen des vollständigen Idealismus getrieben werde, ähnlicher als der sogenannte "kritische Realismus" vieler Neuscholastiker (z. B. Mercier, Hertling und Geyser). Schon Otto Liebmann hatte einmal bemerkt, daß alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz hätten. Und in der Tat ist es ein großes Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft könnten o h n e Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen über metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen überhaupt etwas Letztes entscheiden. Der ausgezeichnete französische mathematische Physiker und Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk: "Geschichte der physikalischen Theorien", ist mit einer Vorrede von E. Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken gewissermaßen in großem Maßstabe ausgeführt. Duhem suchte zu zeigen, daß gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen Physik wohl vereinbar sei. Er hat stark auf den auch philosophisch bei uns wirksamen französischen Mathematiker H. Poincaré gewirkt ("Wissenschaft und Hypothese", "Der Wert der Wissenschaft"), ist aber, mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker.

Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger Begründung in neuester Zeit eine große Reihe von deutschen Forschern neu zu begründen gesucht. Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong, Stumpf, Dürr, Oesterreich [sic], Messer, Störring, Freytag, Schlick, Becher, Troeltsch und vor allem O. Külpe in seinem zweibändigen (der zweite Band ist 1920 aus dem Nachlaß von Messer herausgegeben worden) Werke "Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften"; ein dritter Band steht noch in Aussicht. Der Külpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begründung ihrer These unternommen worden ist. Külpe gliedert die Hauptfrage in vier Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte: 1. Ist eine Setzung von Realem möglich? 2. Wie ist eine Setzung von Realem möglich? 3. Ist eine Bestimmung von Realem möglich? 4. Wie ist eine Bestimmung von Realem möglich? Nach einer ausgezeichneten und tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und positivistischen "Wirklichkeitsstandpunktes" im ersten Band untersucht Külpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen Grundsätzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Gründe und endlich die "gemischten Gründe" für die Setzung einer Realität. De Prüfung der sechs rationalen Gründe ergibt deren Insuffizienz. Man kann weder von der induktiven Regelmäßigkeitsvoraussetzung (wie z. B. Becher), noch durch Schluß auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugehöriges Nichtich, noch von der bloßen (gegen Berkeley und W. Schuppe festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer bewußtseinsunabhängigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewußtsein unserer Denkakte (z. B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag versuchte), noch von der ökonomischen Zweckmäßigkeit der Annahme einer realen Außenwelt auf deren Existenz schließen. Auch die in der Wahrnehmung im Unterschiede zu den "Vorstellungen" gelegenen immanenten Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es der altscholastische Realismus will); erst die "gemischten Gründe" sollen zum Ziel führen. Die Außenwelt müsse gesetzt werden: erstens als "Bedingung des von dem psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung Unabhängigen und als das Substrat der vorgefundenen selbständigen Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen". Külpes Versuch bezieht sich nicht nur auf die Realität der Natursetzung, sondern umfaßt auch das Problem einer von der Beschreibung der Bewußtseinserlebnisse verschiedenen Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realität des Vergangenheits- und Fremdbewußtseins und damit auch des Realitätsproblems in den Geisteswissenschaften. Wie immer man zu Külpes Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht überzeugen, daß, wenn w e d e r in der Wahrnehmung für sich noch im Denken für sich Gründe zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer bloßen "Mischung" beider Momente gelegen sein könne), so verdient die ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, für die Wissenschaft viel zu früh heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und Würdigung.

Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuzählen vor allem die auch in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in dem Buche "Die Grundlegung des Intuitivismus" niedergelegte Standpunkt des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij. Obgleich der Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht durchführbar sein dürfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e i e s W e s e n (und Wesenszusammenhänge) geben kann, verdienen doch auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung. Für die Existenz des fremden Bewußtseins überhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe "Formalismus in der Ethik" und sein Buch "Über Sympathiegefühle", Anhang) und in etwas anders gefärbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch "Über das ästhetische Bewußtsein") intuitive Evidenz in Anspruch. Für die Begründung einer R e a l p y s c h o l o g i e traten außer Külpe auch ein Scheler (siehe "Idole der Selbsterkenntnis" in "Abhandlungen und Aufsätze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment über den Begriff des Unbewußten und die psychische Realität", 1921).

Die Richtung des v o l u n t a t i v e n R e a l i s m u s ist vor allem — ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de Biran, Bouterweek und Schopenhauer — in neuester Zeit in einer Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-Köhler (siehe "Wissenschaft und Wirklichkeit", 1912), Scheler und E. Jaensch ("Über die Wahrnehmung des Raumes", Anhang) vertreten worden. Nach dieser Auffassung führt erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenstände als wirklicher und möglicher "Widerstände" zur Setzung einer Realität überhaupt. Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h ä r e d e s R e a l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche Beziehungszusammenhänge (je nach dem Wesen der Gegenstände verschiedener Artung) abhängig. Analog sind nach Scheler die fünf Sphären: "Außenwelt", "Innenwelt", "Leib", "Fremdbewußtsein", "Gottheit", in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sphären jedem endlichen Bewußtsein "vor" jeder bestimmten Erfüllung mit Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben.

Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer bestimmten Realität vorzunehmen, soweit solche über die unmittelbare Erfahrung hinausgeht.

Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die für alle Gebiete der Philosophie von der g e g e n w ä r t i g e n Psychologie mit Einschluß der Experimentalpsychologie auszugehen vermöchte, wenn ein tieferes Verständnis und eine größere gegenseitige Beachtung ihrer Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattfände. Dieselbe Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Krüger, Marbe, ferner die Schulen von C. Stumpf und Külpe. Die moderne Psychologie begann ihr Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit Problemen der Größenmessung. Da diese Art der älteren Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrstühle anzueignen wußte, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende Nichtbeachtung ihrer Arbeiten. Man sagte: Diese neue Psychologie ist eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum gebührten ihr auch keine philosophischen Lehrstühle. Am schärfsten und im anmaßendsten Tone haben die Vertreter der Südwestdeutschen Schule dieser Meinung häufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Krüger, "Über Entwicklungspsychologie", 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer sogenannten "Psychologie ohne Seele" und einer strengen sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der seelischen Tatsachen (die z. B. noch wesentliche Grundlage ist den in der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten über "Das Gedächtnis" von G. E. Müller in seinem großen Werke über "Das Gedächtnis") schien eine Zeitlang dieser Haltung neue Gründe zuzuführen. Dazu blieben die langwierigen, philosophischen Streitigkeiten über "psychophysischen Parallelismus" und "Wechselwirkung", die nur von allgemeinsten "Prinzipien", sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z. B. Vereinbarkeit des seit den Arbeiten von Rubner und Atwater auch für den organischen Austausch von Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur überaus unfruchtbar, sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden fühlbaren Anschluß an die T a t s a c h e n f o r s c h u n g der empirischen und experimentellen Psychologie. Nun haben sich aber diese Verhältnisse mit der Zeit so g r u n d s ä t z l i c h und t i e f gewandelt, daß die antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen Grundlage entbehrt. Der sogenannte "Psychologismus", der für die Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute grundsätzlich abgetan. Die Entwicklung zeigte ferner, daß, wie auch B. Erdmann in seiner "Reproduktionspsychologie" treffend betont hat, eine wirklich vollständige Ablösung der Psychologie von der Philosophie gar nicht möglich ist. Selbst bei den elementarsten Untersuchungen über Empfindungstatsachen (siehe z. B. den besonders von Köhler geförderten Streit über die Existenz "unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen Fragen, welche nicht aufeinander zurückführbaren G r u n d a r t e n s e e l i s c h e r V e r k n ü p f u n g e n es überhaupt gebe, läßt sich die Philosophie gar nicht ausschalten. Auch die Meinung, es ließe sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte, erkenntnistheoretische oder metaphysische Überzeugungen über das "Ich", und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der gegenwärtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen. Die "Psychologie ohne Seele" gehört heute bereits der Geschichte an und nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie könne sich mit der Schilderung bloßer Bewußtseinserscheinungen begnügen, und es könne zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden. Da ferner die moderne Psychologie sich längst von der einseitigen Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell unterstützten systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter, sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu bloßen sogenannten Reaktionsversuchen) auch der höheren psychischen Funktionen des Wollens (N. Ach, Lindvorsky) und des Denkens (Külpe, Bühler, Störring, Lindworsky, Selz, Grünbaum) zugewandt hat, besteht nicht der mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der Sinnespsychologie oder der Medizin oder überhaupt der "Naturwissenschaft" zuzuweisen. Die von Dilthey, ferner von der Phänomenologie und von K. Jaspers (siehe seine "Psychopathologie" und sein neuestes Werk über "Psychologie der Weltanschauungen") auch mit in de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die "Sinnzusammenhänge" des Seelenlebens von den "psychophysischen Kausalzusammenhängen" unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende oder erklärende Psychologie) Grundlage für die Geisteswissenschaften sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der Philosophie geführt. Die von Chr. Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der ursprünglichsten psychischen Gegebenheiten sind von Külpe, Bühler, Wertheimer, Koffka, Benussi, Gelb, Köhler und anderen in überaus wertvollen und für de Philosophie überaus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv gefördert worden, daß die Philosophie sehr übel daran täte, wollte sie sich um diese Dinge nicht ernsthaft kümmern. Wie sehr die hier neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch für die philosophische Klärung des Problems von Körper und Seele wichtig sind, zeigt die auf seinen Bewegungsarbeiten ursprünglich fußende neue Theorie von Wertheimer, daß als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie bloß "reine Empfindung", sondern immer schon "Gestalt" ist), ein sogenannter "Querprozeß" zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde notwendig sei. Als eine neue sehr zu begrüßende Sammelstelle der neuen gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegründete Zeitschrift "Psychologische Forschung" (Springer 1921), besonders von Koffka, Köhler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, Köhler, der den Fragen der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der Preußischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math. Klasse). Köhler hat durch sein neuestes Buch über "Physische Gestalten" (1921) das Wertheimersche Problem einem höchst bedeutsamen und für die gesamte Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbständigen Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalität nicht auflösen läßt) A n a l o g i e n für psychischen Gestalten aufsuchte. Endlich ist seit Brentanos "Psychologie vom empirischen Standpunkt" das insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf "Erscheinungen und Funktionen" (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von "Erscheinungen" unabhängige variable Natur und Gesetzmäßigkeit besitzen und eine ganz neue Richtung der "Psychologie", die sogenannte Aktpsychologie, hat sich an diese Arbeiten angeschlossen. T. Konstantin Oesterreich hat sich in seinem grundlegenden Werke zur "Phänomenologie des Ich" ihr angeschlossen. Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und dringlicheres Desiderat für die künftige Philosophie und Psychologie als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen Tatsachenerkenntnisse. Der Verfasser hat es sich mit zu einer Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat, diese Dinge zu fördern. Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue philosophische Beachtung. So die Pathopsychologie, die durch den Krieg (Kopfschüsse und Gehirnverletzungen) mächtig gefördert wurde, die neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle Psychologie, die zukunftsreiche "Entwicklungspsychologie" Krügers, nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der Psychologie der sogenannten okkulten Phänomene (siehe dazu besonders Oesterreich: "Probleme der Parapsychologie" und sein Buch über "Besessenheit", ferner Max Dessoir: "Das Jenseits der Seele"). Die Forscher, die sich gegenwärtig in der Richtung auf eine philosophische Durcharbeitung des neuen mächtig angewachsenen psychologischen Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E. Jaensch, Wertheimer, Köhler, Grünbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch, Selz, Kronfeld, Koffka, Th. Haering. Wir sind überzeugt, daß auf diesem Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich kompliziertere abschließende Theorie über den Z u s a m m e n h a n g v o n L e i b u n d S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit über Wechselwirkung und Parallelismus je der Fall sein konnte. Schon jetzt scheiden sich meines Erachtens drei nicht weiter aufeinander zurückführbare Gruppen von Verknüpfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp. Akte): 1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen es allein konkrete zielmäßige Ganzkausalität gibt, 3. die poetischen Intentionalgesetzlichkeiten, denen überall parallele Gegenstands-(resp. Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen.

Wenden wir uns nun den jüngsten Schichten der gegenwärtigen Philosophie, die zum größten Teil erst im 20. Jahrhundert ihren Ursprung haben oder doch in ihm ihre stärkere Auswirkung fanden, zu, so sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne Persönlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik gegeben haben. Einen Übergang zu dieser neuen Artung von Philosophie bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm ausgegangen ist. Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt. Eine in manchen Zügen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten schloß er ein Werk ganz ab), schüttelte er in seiner Entwicklung nur langsam und nie vollständig die Ketten des historischen Relativismus von sich ab. Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erfüllten Abhandlungen gab, das trug, gleichgültig, ob er sein Grundproblem, "die Kritik der historischen Vernunft", ob er philosophiegeschichtliche oder literatur- und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische Probleme behandelt, stets reiche Frucht. Auf sein bereits der Geschichte angehöriges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht eingegangen werden. Alle heutigen Versuche, eine "verstehende Psychologie" aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl, Schmied-Kowarcik und auch die hierhergehörigen Versuche der jüngeren Phänomenologen), wären ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen. In seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von "der Totalität des menschlichen Wesens" her, nicht nur von dem "verdünnten Saft bloßer Denktätigkeit" aus aufzubauen und (hierin den Positivisten ähnlich) die Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in Frischeisen-Köhler seinen Hauptschüler gefunden. Sein Interesse an der Typologie der geistigen G e s t a l t e n des Menschentums, das er in zahlreichen Aufsätzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet haben besonders Eduard Spranger stark angeregt. Sprangers jetzt in zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes Buch über "Lebensformen" (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen. G. Wisch hat in seiner "Geschichte der Selbstbiographie", die freilich noch unvollendet ist, ein Problem ergriffen, das für die Frage der Abhängigkeit der Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den in ihr herrschenden Wertstrukturen von großer Bedeutung ist. H. Nohl hat Diltheys Ideen über die Weltanschauungstypen in der Philosophie, der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gemäß, ausfüllen, mit Glück auf das Gebiet des Studiums der künstlerischen Darstellungsformen übertragen. Der Metaphysik gegenüber verhielt sich Dilthey bis zu seinem Lebensende skeptisch. Er hielt sie im Gegensatz zur positiven Wissenschaft und zum religiösen Bewußtsein für eine nur historische Kategorie, die einmal völlig aus der Geschichte ausscheiden werde. Das vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen Geschichtsauffassungen eigenartig zu verknüpfen suchte (siehe besonders "Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften", 1910). Allen seinen Schülern wußte er mehr zu vermitteln als bloße Lehre — auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und Gestalt. Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie fehlte, wie überhaupt eine letzte klare Basis für seine rein philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die Südwestdeutsche Schule. Schon durch seine andersgeartete Problemstellung, die nicht "Logik der Geisteswissenschaften" (es gibt nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden Quellen des historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit überlegen.

Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten "P h ä n o m e n o l o g i e" aufgetreten. Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten "Phänomenalismus" (d. h. der Lehre z. B. Kants, daß wir nur "Erscheinungen", nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht werden. Nicht der Gegensatz von "Wesen" und "Erscheinung", sondern der schon in der Scholastik als "grundlegend erkannte Gegensatz" von "existentia" und "essentia". "Wesen" und "Dasein" beherrscht das Denken dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort "Phänomenologie" an, daß es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten (essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s handeln soll. Den Ausgangspunkt für diese Bewegung, die sich freilich in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu schildernden Ablauf von überaus verschiedenen geschichtlichen Einflüssen genährt hat, bildete das Werk Edmund Husserls "Logische Untersuchungen", 2 Bände (2. Aufl. 1921). Der erste Band dieses überaus wirksamen Werkes galt einer Neubegründung der Logik. Jede Art von Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus, Subjektivismus, den die herkömmliche Logik in sich aufgenommen hatte, wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu entfernen versucht. Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger Veränderung der menschlichen Natur u n a b h ä n g i g sind. So war es vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart, Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten "normativen Logik" noch vorliegenden "Psychologismus", dem das Werk seine große Wirksamkeit verdankte. Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung ist, hat er doch historische Anknüpfungspunkte; sie liegen, wie Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die platonisierende Richtung einhält (z. B. bei Bonaventura). Ferner haben Leibniz und sein später bis zu Husserls Wiederentdeckung völlig unbekannter Schüler, der große Logiker und fruchtbare Mathematiker Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz "Ansich" als ideale Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel über die "Platonische Ideenlehre" und Herbart in seinen logischen Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen. Die vollständige Vernachlässigung, ja der prinzipielle Ausschluß der Aktseite der Denkgebilde, und die im 1. Band herrschende Vorstellung, es könne unser Denken ohne Schaden für die Logik sogar etwa rein assoziationspsychologisch verstanden werden, läßt sich freilich n i c h t durchführen. Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese Auffassung im Grunde stillschweigend zurückgenommen. Erst der zweite Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der späteren Phänomenologie geführt haben, die indes hier noch mit deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird. Die zwei wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und Berkeley von einem großen Teil der modernen Philosophie bis zur Gegenwart fast wie selbstverständlich aufgenommenen nominalistischen Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung, betitelt "Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis", die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der "sinnlichen und kategorialen Anschauung" einführt, der nach meiner Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n Ausgangspunkt für die Entstehung der Phänomenologie gebildet hat. Als der Verfasser im Jahre 1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern der "Kantstudien" gegeben hatte, Husserl zum erstenmal persönlich kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gespräch, das den Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. Der Verfasser, unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand (er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk über Logik aus diesem Grunde aus dem Druck zurückgezogen), war zur Überzeugung gekommen, daß der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen ursprünglich weit reicher sei als das, was durch sinnliche Bestände, ihre genetischen Derivate und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei. Als er diese Meinung Husserl gegenüber äußerte und bemerkte, er sehe in dieser Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip für den Aufbau der theoretischen Philosophie, bemerkte Husserl sofort, daß auch er in seinem neuen, demnächst erscheinenden Werke über die Logik eine analoge Erweiterung des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte "kategoriale Anschauung" vorgenommen habe. Von diesem Augenblick an rührte die geistige Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser bestand und für den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist. Einen starken Zuwachs erfuhr die phänomenologische Bewegung in ihrer ersten Werdezeit dadurch, daß der ausgezeichnete und scharfsinnige Münchener Psychologe Th. Lipps durch die Einwirkung der "Logischen Untersuchungen" einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat. Diesen Umschwung machten seine hervorragendsten Schüler M. Geiger, A. Reinach, Pfänder und die ihnen nahestehenden jüngeren Forscher nicht nur mit, sondern sie schlossen sich, über Lipps überhaupt hinausgehend, den Husserlschen Positionen weitgehend an. So kam es schließlich zur Errichtung einer Sammelstelle für die phänomenologische Forschungsrichtung im "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung", von dem bisher fünf Bände bei Niemeyer in Halle erschienen sind.

Die Phänomenologie ist weniger eine abgegrenzte Wissenschaft als eine neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e d e s s c h a u e n d e n B e w u ß t s e i n s als eine bestimmte Methode des Denkens. Nur so wird es verständlich, daß die phänomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die früher behandelten Kantschulen solche darstellen. Aus dem gleichen Grunde kann Phänomenologie nicht im selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die Gedanken dieser Schulen. Nur durch fortgesetzte Ü b u n g dieser Bewußtseinshaltung ist es möglich, in die Ergebnisse der Phänomenologie tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten. Aus demselben Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als die Angehörigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre fühlbare Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u ß t s e i n s h a l t u n g liegt, verlieren zu müssen. Husserl selbst spricht, diese Bewußtseinshaltung charakterisierend, von einer "phänomenologischen Reduktion"; sie besteht darin, daß auf der Gegenstandsseite aller möglichen Gegenstände (physischer, psychischer, mathematischer, vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenstände) von dem zufälligen h i c e t n u n c D a s e i n d e r G e g e n s t ä n d e abgesehen und auf ihr pures W a s, das heißt ihr "W e s e n" hingeblickt wird; daß ferner analog der den Gegenstand erfassende intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgelöst und gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit charakterisiert wird. Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges Bewußtsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl "Wesenschau" und behauptet, daß alle möglichen Theorien über das positive Wirkliche in solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser "Wesen" selbst fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund besäßen. Alle Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder von mathematischen Gegenständen handeln, sind, obgleich sie weder auf "eingeborenen Ideen" beruhen noch (wie nach Kant) bloße Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das heißt "Verstandsgesetze", ausdrücken gegenüber allem zufällig Wirklichen objektiv a priori gültig. Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das muß auch gelten für alle möglichen Gegenstände dieses Wesens, soweit sie der zufälligen Daseinssphäre angehören. So begründet die Phänomenologie einen n e u a r t i g e n A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen Sätze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen Unterdisziplinen (Ethik, Ästhetik usw.) umfaßt, sondern auch materiale Ontologien entwickelt. Die Sphäre des apriorischen Wissens ist also in der Phänomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus Kants. Auch darin unterscheidet sich die Phänomenologie von Kants Lehre, daß sie das proton pseudos Kants verwirft, es müsse alles, was an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch angenommene, synthetische konstruierende Tätigkeit des Verstandes oder des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein. Sie sucht das "Gegebene" überall möglichst s c h l i c h t, v o r u r t e i l s l o s und r e i n in möglichst dichte Anschauungsnähe zu bringen, um es dann durch phänomenologische Reduktion in sein W e s e n zu erheben. Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n S i n n mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift "Ideen zu einer phänomenologischen Philosophie" wieder über diesen fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist. Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von Einsichten dar, die sich voneinander herleiten ließen, sondern kann im Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden. Auch der Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die großen Richtungen der neuzeitlichen Philosophie, "Rationalismus" und "Empirismus", kreisen, ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen. Mit Recht hat Husserl immer wieder hervorgehoben, daß die Phänomenologie nicht nur die Einlösung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem Sinne die Einlösung aller Ansprüche des Positivismus. Auch das, was a priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die Phänomenologie sagt hier "schauenden"), nicht einem schaffenden, formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis, nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zufälliger (hic et nunc) Wirklichkeiten, daß das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n t i t ä t der "Fälle", an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht modifiziert werden kann. Nicht daher dem "Erfahren" überhaupt, sondern nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden Fällen steht das phänomenologische Erfahren und "Schauen" gegenüber. Auch die Phänomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, für alle ihre Disziplinen die a p r i o r i s c h e n W e s e n s - u n d I d e e n s t r u k t u r e n, die als objektiver Logos die gesamte Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der Gültigkeit) beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln. Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u i t i v e n P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit vollständiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und aller mythischen Beisätze. Und es ist wohl verständlich, daß von dieser ihrer Eigenart her die Phänomenologie neuerdings auch mit der gesamten p l a t o n i s c h - a u g u s t i n i s c h e n Philosophie der patristischen und frühmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch mit dem Aristotelismus, stärkere Fühlung genommen hat. Freilich gehen in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht weniger in der Auffassung und Methode der Phänomenologie selbst die ihr nahestehenden Forscher oft weit auseinander. Abgesehen von den Weltanschauungsgegensätzen unter den Phänomenologen, der zum Teil in verschiedenen religiösen Auffassungen gegründet ist, treffen wir z. B. eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Phänomenologie. So wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen Alexander Pfänders), so muß sich die Phänomenologie doch hüten, zu dem zu werden, was ich andernorts "Bilderbuchphänomenologie" genannt habe; ferner bestehen Gegensätze in der Auffassung jener, die, wie einst Husserl selbst, die Phänomenologie der beschreibenden Psychologie zu nahe rücken (z. B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher — auch nicht bewußtseinimmanenter — Gegenstände auffassen. Am tiefsten aber ist der Gegensatz unter den Phänomenologen in den erkenntnistheoretischen Fragen. Er ist dadurch besonders gesteigert worden, daß E. Husserl in seinem letzten Werk über "Ideen" usw. sich dem erkenntnistheoretischen Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder bedeutend genähert hat und die Phänomenologie nur als Wesenslehre von den B e w u ß t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zufällige Erfahrungen unwandelbar sind) auffaßt; gleichzeitig aber, ähnlich wie Kant, diese Bewußtseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der Gegenstände der Erfahrung selber macht. Auch ihm werden so die Gesetze der Erfahrung der Gegenstände zugleich Gesetze der Gegenstände aller möglichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung" Kants). Diese eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung aller Dinge ein "a b s o l u t e s B e w u ß t s e i n" erhalten bliebe, ist fast von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t worden und sie ist zugleich ein Haupthindernis für den Aufbau einer Metaphysik auf wesenstheoretischer Basis. Die Einwirkung der Phänomenologie auf die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen Disziplinen. Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende Psychologie hat die phänomenologische Einstellung in seinen Forschungen auch der Verfasser angewandt (siehe "Der Formalismus in der Ethik", "Phänomenologie der Sympathiegefühle", "Abhandlungen und Aufsätze", "Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der Mathematik und der Grundlegung der Ästhetik Moritz Geiger (siehe Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite Alexander Pfänder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein überaus tiefgründiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden für die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefaßten Abhandlungen). Aber weit über diesen älteren und engeren Forscherkreis hinaus hat die Phänomenologie nicht nur eine Anzahl höchst zukunftsreicher jüngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D. von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyré, W. Schapp, Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit darüber hinaus auch auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt. Aus der Südwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat sich ihr N. Hartmann genähert. Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein wertvolles Buch über Psychologie der Relationen und eine für die Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben. P. F. Linke hat die Phänomenologie für die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen gewußt (siehe "Grundfragen der Wahrnehmungslehre", 1918). Der theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes Buch über die Relativitätstheorie Einsteins gleichfalls auf phänomenologischer Basis aufgebaut. Auch die Diltheyschule hat sich ihr, wie übrigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher Hinsicht genähert. Driesch ist in seiner "Ordnungslehre" weitgehend von ihr beeinflußt worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie, wie Geysers "Alte und neue Wege der Philosophie" zeigen, nicht ohne Einfluß. Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch ungeklärt sind, darf doch erhofft werden, daß von der Phänomenologie aus sich allmählich ein E i n h e i t s b o d e n d e r B e t r a c h t u n g f ü r d i e g a n z e P h i l o s o p h i e entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir sie anfangs forderten, sich entfalten kann.