Gerade die letzterwähnten Verluste müssen den Versuch, durch verstärkte industrielle Tätigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs stärkste gefährden. Fünf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche Auslandsmärkte, um für jetzt und in Zukunft unabhängig zu sein von Versorgungsstörungen auf Grund europäischer Verwicklungen. Typische Beispiele: Holland und Dänemark legen sich Eisenhütten zu, Schweden baut seine Hütten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine große Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bemühen sich um industrielle Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. Während des Krieges wurde gerade von England eine intensive Zerstörung aller deutschen Überseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Geschäftsbücher, der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen Patenten und Geschäftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer Lüge und Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbefleiß in der ganzen Welt bereiten muß? Wer will auf Milliarden aufzählen, was uns die raffinierte Bearbeitung der öffentlichen Meinung in aller Herren Länder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet? Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt gehört sicher mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer zähesten und unermüdlichsten Arbeit bedürfen, allmählich durch diese Berge von Verleumdung, Haß und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das wirtschaftliche Leben unerträglich schmälern. Hier hilft uns die doch zu offensichtige Brutalität und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages, hier hilft uns das allmähliche Wachwerden des Anstands- und Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an müssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler Vertrages von dem guten Namen Englands auszulöschen." ("Daily Herald", 10. Mai 1919.)

Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie berechnet wird, tatsächlich eine Kriegsentschädigung darstellt, festgelegt werden. Es ist bekannt, daß diese Summe durch das Londoner Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpreßt wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132 Milliarden Goldmark, abzahlbar in jährlichen Raten von 2 Milliarden, zuzüglich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren Höhe nicht festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last dieser jährlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten Verzinsungs- und Tilgungsgrundsätzen auf weit mehr als ein Menschenalter. Diese wenigen Daten umschließen die Schuldknechtschaft eines ganzen Volkes und sind von einer Härte, wie sie in aller Geschichte unerhört ist.

An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen Einsichtigen in allen Ländern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren Widersinn dieser Entschädigungsforderungen wies vor allem die englische Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig faßte: entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die Ausfuhrmärkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs äußerste bedrängt; oder wir unterbinden ihm unsere Märkte, dann kann es nicht zahlen. Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem deutschen Boden selbst ließen sich jene Summen herausstampfen, sie sind eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit für fremde Völker sie erst hereinholt und zur Verfügung stellt. Aber auch das ist richtig: Werden de Forderungen nicht erfüllt, dann drohen politische Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer politischen Selbständigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde Gefährdung des europäischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des Reiches enden könnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend formuliert: "Wir kämpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk und Staat."

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Das ist der furchtbare äußere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur Erfüllung der ungeheueren Verpflichtungen nach außen? Welche wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schließen sich an die Erfüllung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erfüllung an?

Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie äußert sich als Gefährdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ernährung weiter Kreise, Mangel an Kleidung und Wäsche, fehlende Wohnungen, ungenügende Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die Ursachen dieser Not sind die Erschöpfung unseres Wohlstandes durch den Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die Aushungerung unserer Böden, die Aufzehrung der privaten Vorräte und Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger für alle möglichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsgüter nach dem Kriege. Diese Aufzählung wäre ungenau, wenn sie an jenen Schädigungen des Volksvermögens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit Streiks und Aussperrungen, mit böswilliger Wertvernichtung und Revolten zusammenhängen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen Arbeitsrechtes Schädigungen mit sich gebracht. Im großen Ganzen hat die Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und Rückschichtung der Bevölkerung weg von den Städten erreicht, die der neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht übersehen werden, daß die Auflösung des alten Heeres, von Teilen der alten Bürokratie, die Rückwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des bürgerlichen Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren Schichten geöffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die für die Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche Volkseinkommen gegenwärtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungefähr 22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes — und von diesem so geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die Steuern für Reich, Länder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns: wir müssen a l l e Produktivkräfte aufs ä u ß e r s t e anspannen, um das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere Existenz steht auf der Schneide der äußersten Wirtschaftsergiebigkeit. Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen gesteigerter Produktivität anzuspannen, allen überflüssigen Verbrauch zu meiden.

Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zunächst natürlich Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die natürlichen Rohstofflagerstätten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen- und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren Güter, die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegenüber — als den durch Abbau erschöpfbaren Gütern — stehen die landwirtschaftlich in regelmäßiger Wiederkehr erzeugten Güter. Nach beiden Richtungen hin haben wir beträchtliche Einbußen erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und Belastung mit Abgaben.

Mit dem Rest muß umso schonender umgegangen werden; denn die Bodenschätze sind entweder überhaupt nicht künstlich vermehrbar, oder nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen außerdem auf der Spitze der Rentabilität. Wenn wir schon vor dem Kriege eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und Ölen hatten, von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so können wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundstätten und Böden hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegenüberstehen. Unvermeidlich ist, daß große Einfuhrposten für de Deckung des notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachlässigten Eigenbedarfs des deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zunächst eine Belastung der Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle müssen auch diese Beträge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden Wirtschaftserträgen oder aus der Substanz des Volksvermögens. Wenn einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken Materialverbrauch beklagten, die Zerstörung lebendiger menschlicher Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt das heute natürlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrlässigkeit, Böswilligkeit und Unverstand zerstören nach einem Worte Friedrich Naumanns mehr als Feuersbrunst und Überschwemmung. Dieses Gebot wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten mit dem Material der M e n g e und der G ü t e nach. Wer verwaltet unsere Rohstoffe? Drei große Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die öffentlichen Verbände. Bezüglich der Haushaltungen ist ohne weiteres klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau hängt es ab, wie mit den Verbrauchsgütern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je über zweckmäßige Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der Frauenberufsarbeit. Wer die Verhältnisse in den Arbeiterfamilien der Industriereviere kennt, weiß, daß die erwerbstätige Frau die kürzesten Methoden der Haushaltsführung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer Berufstätigkeit vorziehen muß. Neben den Schäden, die die Frauenberufsarbeit für das Familienleben und die Erziehung mit sich bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die Materialverwertung der öffentlichen Verbände anlangt, so hat die Kriegszeit dort in erschreckendem Maße gezeigt, wie wenig hier den Anforderungen einer vernünftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen wurde. Die bureaumäßige Verwaltung von öffentlichen Betrieben und Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen Haushalten und jene scharfen Kontrollmöglichkeiten, die die Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsmäßig gerichteten Sinn fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien für sparsame und zweckmäßige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar drängt das Interesse der Unternehmung am möglichst hohen Geldertrag auf äußerste Zweckmäßigkeit und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der Arbeitskräfte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsgütern möglichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken und zu erhalten, ist großenteils eine Sache der Erziehung, des Verantwortungs- und Gemeingefühls und der Einsicht. Hier mündet die Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale Voraussetzungen. Die zweckmäßige Rohstoffverwendung in der privaten Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgröße, der Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv stärkste Möglichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte Großbetrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland noch fehlt, beweisen die Klagen führender Industrieller und zünftiger Volkswirte.

Rohstoffökonomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres Daseins. Neben der Verfügung unserer Sachgüter ist die wichtigste dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage einmal dahin zusammengefaßt: "Es ist nötig, ...den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit so zu steigern, daß eine verdoppelte Produktion die Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskräfte besser entlohnt und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann muß mit dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet werden durch Produktion von entbehrlichen Gütern, sie darf nicht durch Raubbau abgewirtschaftet werden. Es müssen alle technischen, organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um die möglichst große Produktionssteigerung durch möglichst sparsamen Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung: Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erfüllung mit Einsicht in den Ernst der Verantwortung für das Ganze, Abwehr aller Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron für den laufenden Tag.