Bei Ndessa blieb Hauptmann Koehl mit sechs Kompagnien und einer Batterie zurück; ich selbst überschritt mit vier Kompagnien und zwei Gebirgsgeschützen unterhalb Nahungu den Mbemkurufluß und marschierte dann quer über das Mueraplateau zur Missionsstation Namupa. Der dortige Präfekt bewirtete uns unter anderem mit Muhogo (eine Feldfrucht mit genießbaren Wurzeln), der wie Bratkartoffeln zubereitet war, und ergänzte die verschwindenden Verpflegungsbestände unserer Europäer durch Bananen und andere Früchte seiner weiten Gartenanlagen.
Im Lager von Njangao erregte ein zum Teil gut aufgefangener, an mich gerichteter deutscher Funkspruch, der beim Eintritt in das vierte Kriegsjahr die Anerkennung Sr. Majestät des Kaisers zum Ausdruck brachte, allgemeinen Jubel.
Bei unangenehmem Regenwetter bezogen wir mit den zuerst eintreffenden Kompagnien Lager bei Njengedi, an der großen Straße Njangao-Lindi, hinter der Abteilung Wahle. Ich begab mich sogleich zur Orientierung zum General Wahle nach Narunju. Hier lagen sich in fast undurchdringlich dichtem, stark zerklüftetem Gelände, dessen Niederungen vielfach mit tiefem Sumpf ausgefüllt waren, Freund und Feind ganz nah gegenüber. Unsere Truppen arbeiteten an tiefen Schützenlöchern, die durch Verhaue vor der Front gedeckt waren. Nur schwache fünf von den sieben Kompagnien, die General Wahle zur Verfügung hatte, lagen bei Narunju, die zwei übrigen auf dem Südufer des Lukulediflusses auf dem Ruhoberge. Bei der Gefahr eines überraschenden Angriffs auf unsere schwachen Kräfte bei Narunju ordnete ich deren Verstärkung durch die Kompagnien des Ruhoberges an und setzte auf diesen Berg zwei der von mir mitgebrachten Kompagnien in Marsch. Schon am folgenden Tage, am 18. August 1917, geschah der feindliche Angriff auf Narunju. Außer dem Hauptmann Lieberman vom Ruhoberge her kamen auch die beiden anderen von mir mitgebrachten Kompagnien noch zum Eingreifen. Ich sehe noch jetzt die Askari der 3. Kompagnie, die soeben erst bei Njengedi angekommen und sofort nach Narunju weitermarschiert waren, im buchstäblichen Eilmarsch vor Einbruch der Dunkelheit dort eintreffen und höre ihre freudigen Zurufe, da sie glaubten, den Feind wieder einmal gründlich zu schlagen.
Aber unser umfassender Angriff gegen den feindlichen rechten Flügel führte nur zu einem Zurückdrängen desselben; der Busch war gar zu dicht für Angriffsbewegungen, die sich auf kurze Entfernungen in dem ununterbrochenen Gewehr- und Maschinengewehrfeuer des Feindes entwickeln mußten. Die Dunkelheit steigerte die Schwierigkeit der Führung, und es ist kein Zweifel, daß bei dem Verwerfen der Fronten in dem zerrissenen Gelände unsere Abteilungen sich vielfach gegenseitig beschossen haben; ein Erkennen von Freund und Feind war eben kaum möglich. So glaubte ich, als ich in völliger Dunkelheit im Busch vor mir lautes Stimmengewirr hörte, daß dies von unserem umfassenden Angriff herrührte, der den Feind völlig zurückgeworfen habe. Erst nach längerer Zeit stellte es sich heraus, daß dies Feind war, und bald hörte man auch seine Schanzarbeiten. Die genaue Feststellung der feindlichen Verschanzungen bot für uns den Vorteil, daß wir sie mit guter Beobachtung durch das 10,5 cm-Königsberggeschütz der Abteilung Wahle unter Feuer nehmen konnten. Das ist mit anscheinend gutem Erfolg geschehen; jedenfalls hat der Feind am nächsten Tage seine Verschanzungen geräumt und ist zurückgegangen.
Der gewünschte, durchschlagende Erfolg war nicht erreicht worden und bei den vorhandenen Geländeschwierigkeiten auch nicht zu erwarten, da wir durch das Gefecht am 18. dem Feinde unsere Stärke verraten hatten und somit das Moment der Überraschung für uns fortfiel. Wiederum mußte ich mich mit hinhaltenden Maßnahmen begnügen. Für ein längeres Bleiben bot sich in dem reichen Lande vom Standpunkte der Verpflegung aus keine Schwierigkeit. Selten ist die Truppe so gut verpflegt worden wie in der Gegend von Lindi. Große Felder von Süßkartoffeln und Muhogo breiteten sich aus, so weit das Auge reichte, auch Zuckerrohr gab es reichlich. Schon die zahlreichen Araberpflanzungen deuteten auf den Reichtum und die alte Kultur des Landes hin. Wir richteten uns also häuslich ein, und wenn auch die Gewehrkugeln häufig durch unser Lager flogen und die Flieger ihre Bomben abwarfen, so wurde doch durch diese kaum Schaden angerichtet. Der Zahnarzt, der uns nach langer Zeit die ersehnte Behandlung angedeihen ließ, hatte sein Atelier in einem Europäerhause aufgeschlagen und behandelte gerade einen Patienten, als eine Granate in das Zimmer schlug. Bei der jetzt vorgenommenen, genauen Untersuchung des Raumes stellte sich heraus, daß der Pflanzer seine Bestände an Dynamit in dem Zimmer aufgehoben hatte. Glücklicherweise waren diese nicht getroffen, wodurch Patient und Zahnarzt endgültig von allen Zahnschmerzen befreit worden wären.
Nicht leicht war die Frage, was aus den deutschen Frauen und Kindern werden sollte, die zum Teil aus Lindi geflüchtet waren und nun nicht wußten, was sie machen sollten. Eine Anzahl von ihnen war in den Pflanzungsgebäuden von Mtua untergekommen, die im feindlichen Artilleriefeuer lagen. Bei dem Zusammenschmelzen der Verpflegung und bei der großen Schwierigkeit der Transport- und Unterkunftsverhältnisse war es erwünscht, Frauen und Kinder nach Lindi abzuschieben. Einige waren auch verständig genug, dies einzusehen. Durch Parlamentär wurde ihre ordnungsgemäße Überführung in die englischen Linien verabredet, und so konnten sie nach Lindi abreisen. Aus mir unbekannten Gründen haben die Engländer dann aber diese Methode nicht fortsetzen wollen. Daher sammelte sich nach und nach die Masse der Frauen und Kinder sowie auch der männlichen Nichtkombattanten in der katholischen Mission Ndanda. Dort war schon seit längerer Zeit ein militärisches Genesungsheim eingerichtet, das zu einem größeren Lazarett erweitert wurde. Alle die hier untergebrachten Leute fanden gute Unterkunft und Verpflegung in den weitläufigen Baulichkeiten der Mission und deren ausgedehnten Gärten.
Elfter Abschnitt
In der Südostecke der Kolonie
Während nun bei Narunju für mehrere Wochen ein Stillstand eintrat, hatte der Feind eine regere Tätigkeit in dem von der Abteilung Stuemer besetzten Teil des portugiesischen Gebietes gezeigt. Gegen Mwembe waren mehrere englische Kolonnen konzentrisch von Südwesten und Süden her vorgegangen, und Major von Stuemer, der sich zum Widerstand nicht für stark genug hielt, hatte Mwembe geräumt. Dann waren die einzelnen Kompagnien allmählich auf den Rowuma zu zurückgewichen. Nördlich dieses Flusses hatte Kapitänleutnant d. R. Jantzen, den das Kommando mit zwei Kompagnien nach Tunduru entsandt hatte und aus den zu sich die einzelnen Kompagnien der bisherigen Abteilung Stuemer sammelten, den einheitlichen Befehl übernommen. Auch von Ssongea her drangen feindliche Abteilungen in Richtung auf Tunduru zu vor.
Einzelheiten über den Gegner waren schwer festzustellen; ich hatte den Eindruck, daß er unsere Hauptkräfte bei Narunju lediglich hinhalten wollte, um mit starken Truppen in unser Verpflegungsgebiet, das wesentlich in der Gegend von Tunduru-Massassi-Ruponda lag, einzudringen und unsere Bestände fortzunehmen. Es schien mir damals nicht ausgeschlossen, gegen diesen Feind einen Erfolg erzielen zu können, und ich marschierte deshalb am 10. September 1917 mit fünf Kompagnien aus den Lagern von Narunju und Mtua ab nach Massassi. Von dort wurde zunächst Hauptmann Goering mit drei Kompagnien gegen Tunduru in Marsch gesetzt, das inzwischen vom Feinde besetzt worden war; Abteilung Jantzen stand nordöstlich dieses Ortes. Zu Rad erkundete ich die Straße nach Tunduru und mußte befürchten, daß die Verpflegungsschwierigkeiten sehr groß sein würden. Das hat sich leider bestätigt. Verpflegung aus dem Lande war nicht durchführbar, und zu einer längeren Operation, für die erst Nachschub von Massassi her einzuleiten war, fehlte die Zeit.
Die kleinen Patrouillenunternehmungen der Engländer und Portugiesen, die von Süden her über den Rowuma kamen und unsere Magazine und Transporte belästigten, trieben uns allerdings nicht zur Eile. Aber der Feind, der von Kilwa her gekommen war und den Hauptmann Koehl durch das schwere Gefecht von Mbeo-Chini und eine Anzahl kleinerer Zusammenstöße nicht hatte aufhalten können, kam in die Gegend von Nahungu. Seine fliegenden Kolonnen, zum großen Teil beritten, umgingen die Abteilung Koehl weiter westlich und drangen den Mbemkurufluß aufwärts auf Nangano zu vor. Die Verbindung zu Hauptmann Koehl, die auf der Telephonstrecke Nahungu-Nangano basiert hatte, wurde zunächst für einige Tage, dann dauernd unterbrochen. Die dort liegenden Feldmagazine fielen in Feindeshand und wurden zerstört. In Voraussicht der Unterbrechung der empfindlichen Telephonlinie war von Ruponda aus in nordöstlicher Richtung eine neue Telephonstrecke gebaut worden, aber der an diese anschließende Botenverkehr zur Abteilung Koehl erforderte mehrere Tage.