In den letzten Tagen sagte der Förster, er wolle nachts auf dem Sofa schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er müsse früh aufstehen und in seinen Dienst gehen, da müsse er ordentlich ruhen, und die Mutter solle bei ihr bleiben, wenn sie es nötig finde; freilich sei sie eine alte Frau, deren Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht für richtig, daß so großer Umstand um sie gemacht werde.
So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief: „Anna, wie ist mir denn?“ Dann begriff sie, daß das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte sie: „Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen, fühlte sie plötzlich, daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen. Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen, drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust.
Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefällen so ist. Der Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstände mußten gemacht werden.
Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schön geworden im Tode; ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin, und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn der Tod gibt jedem Menschen die Würde, die ihm gebührt; wenn die Muskeln erschlaffen, die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen, den es zwischen den Menschen hat, so treten die Knochen und Sehnen hervor, die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war, sieht dann aus wie ein Bettler, und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt, und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen. Da zeigt es sich, daß alles äußere Geschick nur Zufall ist, unsre Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein; und unser wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt geführt, gibt hier ein sonderliches Zeichen von sich.
Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fünfzig Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte; denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte, jeden Tag; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen, bis er ein stattlicher Mann geworden, und dann den Enkel, der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug, nach seinem Innern aber ein Werther war. Wie das geschehen war, bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück, nach alter Sitte, aßen und tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierüber empfand Hans einen heftigen Haß gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen, und hätte sich auf sie stürzen mögen.
Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war in Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte er, ob er solche Gefühle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte er nicht, aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und schüttelte den Kopf, und wußte nicht, was Hans meinte. Nach längerem Überlegen kam er auf die Vorstellung, daß er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne. Aber wie er mit solcher Absicht anfing, trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen, und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans, wurde er da doch in Angst versetzt und entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans ärgerte sich und drehte ihm den Rücken.
Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem Vogelnest, das er gefunden und für Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte, daß er das Nest in Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Hand voll Murmeln, die er ihm schenken wollte; aber Hans schlug alles aus und ging weg.
Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht fröhlich zu sein, obwohl doch seine Großmutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er niemand fand, mit dem er hätte fröhlich sein können, so ging er traurig, niedergeschlagen und gereizt umher.
Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert ist, also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar; in andrer Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmäßige Führung durch Gott; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß, daß er durch diese Kraft sich das aneignete, das andre zur Seite ließ; endlich ist sogar eine bewußte Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu finden. Wer hätte nicht, wenn er über die Schicksale von Menschen nachdachte, schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht, daß man von derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann!
Ein solches inneres Erlebnis, wie der Haß gegen manche Menschen und das unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen, ist gewiß sehr wichtig für die Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die Deutung ganz zu lassen.