Eine Kellnerin brachte, was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an seinen Tisch, indem sie sagte, er sei gewiß erst seit kurzem in Berlin, und dann erzählte sie, ihr gefalle es sehr gut hier. Hans antwortete in der Weise, wie er gewohnt war, mit allen Menschen zu sprechen; da stand sie plötzlich auf, mitten in seinem Satze, in einer Art, als sei er ihr ganz verächtlich, und nachher war sie ganz fremd zu ihm, als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen.
Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen und die meisten taten sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen, und es war als ob alle, die hier in dem rauchigen und niederen Raum saßen, miteinander nahe bekannt seien. Nach einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann, der aussah wie ein Künstler; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote, die aß er gierig, als sei er sehr hungrig. Wie er mit dem Essen zu Ende war, knüpfte er ein Gespräch an und erzählte, er wolle eine Operette komponieren und spiele hier in der Wirtschaft abends Klavier, wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene Abendbrot erhalte; aber von diesem Erwerb könne er nicht leben, und wenn nicht die gutherzigen Kellnerinnen wären, so müßte er verhungern, und seine Operette würde viel besser werden wie der „Zigeunerbaron“. Wie Hans antwortete, daß er dieses Werk nicht kenne, vertiefte sich der andre in musikalischen Erörterungen, und zwischenhindurch klagte er bitter über das Los der Künstler in der heutigen Gesellschaftsordnung. Am Ende verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans, daß dieser sehr verlegen wurde, und ging zum Klavier, setzte sich, fuhr mit den Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit Tänze zu spielen; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos, obschon das Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier.
Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen, ob sie dem Klavierspieler ein Glas Grog bringen solle, weil er sich doch mit ihm unterhalten habe, und indem Hans dachte, das müsse wohl so sein, bejahte er die Frage, aber er schämte sich doch sehr für den Musiker. Dieser nahm das Glas, wendete sich zu Hans, nickte ihm dankend zu, führte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an.
Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken, daß er nachher der Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte, denn das kam ihm unzart und beleidigend vor, weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine Freundlichkeit war, die den Empfänger zu ihm in solche menschliche Beziehung brachte, daß dessen menschliche Würde die gleiche blieb, sondern er hatte das Gefühl, daß er das Mädchen dadurch unter sich drückte, ebenso wie am Mittag den Kellner und vorhin den Musiker. Viel Schmutz muß ein Mensch erst an seinen weißen Kleidern haben, bis er gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte Hand eines dienernden Menschen gleiten läßt und unbewußt jede Liebenswürdigkeit, die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen, durch eine kleine Münze vergilt, statt durch einen einfachen Dank; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab, sondern auch sich selbst.
Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen wendete, verspürte er mit den geschärften Sinnen, die ein Mensch innerhalb einer feindlichen Umgebung hat, daß die Kellnerin sich hinter seinem Rücken gegen eine andre über ihn lustig machte, wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter gegen ihre Mutter getan. So wurde immer stärker das Bewußtsein in ihm, daß er lächerlich und dumm sei, und alle andern Leute waren viel gewandter, klüger und erfahrener wie er; denn solange wir die Welt noch nicht kennen, wissen wir die sittlichen Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung, und ist das einer der Gründe, weshalb mancher junge Mensch schlecht wird, der von Natur nur oberflächlich war.
Langsam und müde ging Hans heimwärts, und war es eben nach zehn Uhr, wie er an sein Haus kam, und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen, aber er tastete sich schnell am Geländer nach oben. Als er fast oben angekommen, trat er auf einen Menschen, der dalag. Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war durch alles vorige, so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück, daß er fast die steile Treppe hinabgefallen wäre. Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens Wirtsleute, später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern, und da zeigte sich, daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf den Stufen lag, die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen, um dort zu nächtigen, und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war.
Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an, bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen, und starrte mit dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe, die der Mann in der Hand hielt; er brüllte, er wolle die Polizei holen, und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte, das Weib aber schien nichts zu merken, sondern hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe. Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte, um sie zum Aufstehen zu bewegen; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im Innern und rief, er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln. Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte, wenn er selber betrunken sei, so werde er auch so behandelt, und das noch dazu von den Schutzleuten, die doch von den Steuern lebten, die er zahle, diese Person jedoch zahle keine Steuern. Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern, denn die rief ihm verächtlich zu, er verdiene doch nichts und bezahle auch keine Steuern, und da lachten die andern Leute. Das brachte den Mann in Wut, so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete, und die Tochter griff mit in den Streit ein, indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter. Da wollte der Mann die beiden schlagen, aber indem nun die Tochter kreischend fortlief und die fette Frau, die Arme in die Seite stemmend, ihn mit wackelndem Busen erwartete, hielten ihn die Nachbarn fest und suchten ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben, und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt, so wollte sie höher steigen, sie trat aber auf ihre Lumpen, fiel halb, hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe. Nun erschien ein Schutzmann, den ein andrer geholt hatte. Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die Treppe hinunter, daß sie hätte kopfüber stürzen müssen; aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte. Hans konnte den Anblick nicht mehr ertragen, denn ihm wurde, als sei er krank, deshalb ging er in seine Stube, schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor. So verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben, und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an dem Abend. Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte, konnte er sich nicht klarmachen, und es war auch gut, daß er es sich nicht klarmachen konnte, denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt. Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich gegen seinen Glauben, und von heute an wurde ihm, Stück für Stück, Gott geraubt, denn alle diese Menschen, die er getroffen hatte, waren ohne Würde gewesen: der Lehrer, der mechanisch sein Pensum ablas, und der Kellner, der gleichmütig seine Speisen brachte, und die Wirtin, und der Musikant, und die Betrunkene endlich. Und wenn es Menschen gibt, die keine Würde haben, so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln: nicht mit dem Verstande, denn das ist alles über den Verstand, aber wir können nicht mehr den reinen Glauben und die klare, unschuldige Zuversicht haben.
Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln, so können wir an keinen Gott mehr glauben, der über uns ist, und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt, die höher ist wie die Bedeutung von Millionen Welten; und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande, denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande; aber er kommt aus unserm ganzen Menschen.
Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor, daß er ein Rad sei neben andern Rädern in einem großen Räderwerk, das für sich keinen Sinn hatte, welches die allgemeine Ansicht der Menschen war, mit denen er nun zusammenkam.
In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren Studenten, der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel, denn er hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte Hansen, wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe, außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen, und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege, so dürfe er die zurückschieben. Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten Wiedersehen näher bekannt, indem sich die beiden nach jugendlicher Art über die philosophischen Fragen unterhielten, welche die ihre Generation beschäftigenden waren; und indem sie nicht wußten, daß das, was jeder für sich gedacht, von vielen Altersgenossen geteilt wurde, waren sie recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich, daß Hans als der Nehmende erschien und Heller, denn so nannte sich der andere, als der Gebende, der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung. Dieses war das erste Mal, daß Hans das Gefühl der Freundschaft empfand, welches der Liebe verschwistert ist, und so folgte er mit Bewunderung, Glauben und Zuversicht allem, was ihm Heller sagte; der aber stand völlig, wie er sich ausdrückte, auf dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden, die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen, das waren Studenten, junge Kaufleute, junge Schriftsteller, Maler, Musiker und ähnliche. Bei diesen führte er Hansen ein, wiewohl der eine große Besorgnis hatte, daß er werde vor solchen Leuten nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen und Vermögen, und saßen sie in einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft, das an den übrigen Tagen von Gesellschaften und Vereinen kleiner Bürger eingenommen war, die sich in sonntäglicher Gewandung und mit Bierfässern hatten photographieren lassen, um die Wände des Zimmers zu schmücken.