Auf der Bühne stand gerade ein Redner, der seine abweichende Meinung von den Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte, die doch von den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört wurden; seine Meinung aber war, daß die Arbeiter die Bildung schon errungen hätten, weil sie „aufgeklärt“ seien, aber es gäbe noch eine zu große Menge von „unaufgeklärten“ Arbeitern, und die seien der wahre Feind, gegen den man kämpfen müsse. Zum Schluß trug er einen Vers vor, der gegen den „Unverstand der Massen“ gerichtet war und großen Beifall erhielt.
Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere Scherze. Auf einen gewissen Polizeibeamten, den sie den Spitzohrigen nannten, hatten sie einen besonderen Ärger, und deshalb wurde ihm zum Verdruß regelmäßig die neue Nummer des „Sozialdemokrat“ in den Briefkasten gesteckt, ohne daß er je den Täter ausfindig machen konnte; der „Sozialdemokrat“ war damals das anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet, und besonders stolz waren die Leute darauf, daß das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in die Hände der Leser kam. Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere Geschichten; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbüste wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt, die der Besitzer an ihrem Ort ganz sicher geglaubt; aber nach einigen Tagen, wie des Kaisers Geburtstag war, hing bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der schwarz-weißen, und hier vermochte er den Mann, der ihm diesen Streich gespielt, nicht aufzufinden. Mit besonderer Freude erzählte diese und andre Geschichten der junge Mann, der mit seiner zielbewußten Geliebten geneckt war und Weiland genannt wurde, und seiner Lustigkeit merkte man wohl an, daß er nicht unbeteiligt war an derartigen Späßen.
Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung getan; über die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da standen sofort alle auf, und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie die Marseillaise an, der ein besonderer, für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war.
Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen, leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes, von Hunderten begeisterter Männer gesungen, in dem vorher so nüchternen Saale ertönten, und es war, als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen, und als müßten sie siegen, und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht, daß sie sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten, wenn die zu einer Barrikade gezogen wären, denn es war, als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war ihnen, nach vorwärts zu gehen.
Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke, denn auf der Straße verstummte das Lied; vor der Tür standen zwei Reihen Schutzmänner, zwischen denen alle hindurchgehen mußten. Eine Stimme rief: „Laßt euch nicht provozieren“; daraufhin war es mit einem Male, als sei jetzt alles harmlos, kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab, ein Schutzmann mahnte einmal zum Weitergehen, und willig gingen alle weiter und zerteilten sich, es war nicht anders, als seien alle von einem einfachen Vergnügen gekommen. Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten angeschlossen, mit denen sie zusammengesessen und gingen, die einen fragend und die andern erklärend, durch die Straßen, welche so gleichgültig aussahen wie sonst, nur war es Hansens angestrengten Nerven, als hallten ihre Schritte ganz besonders auf dem Pflaster. Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft, in der die Arbeiter bekannt waren, denn der Wirt begrüßte sie mit Vertraulichkeit; die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war Hansen unangenehm.
Es stellte sich heraus, daß der ältere Arbeiter von den beiden Studenten eine Belehrung haben wollte, denn er erzählte, daß er viel gelesen habe, und besitze zu Hause eine Menge Bücher, deshalb habe er auch keine Frau genommen, und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage, die sei ihm aber noch in keinem Buch beantwortet, wiewohl er keine Mühe gescheut, denn er sei doch nur ein Arbeiter und besitze nicht die rechte Vorbildung; nämlich, es werde gesagt, daß unsre Gedanken und auch das, was wir wollen, durch die Verhältnisse bestimmt werde, in denen wir leben, und daß also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln, das geschieht. Wenn das richtig sei, dann könne man also dem Menschen, der Böses tut, mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen, und auch dieser Schluß werde von vielen für richtig gehalten. Er aber meine, das alles könne nicht so sein, denn dann verlohne es sich ja gar nicht, daß man lebt, und er für sein Teil wolle lieber tot sein als leben, wenn es so sei.
Der Mann, der zu Hans das sagte, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und war ein Schuhmacher, und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen Schuhmachers, der vielleicht nach seines seßhaften Gewerbes Art zuweilen wunderliche Gedanken hat. Aber diese Worte rührten Hans ans Gewissen, denn plötzlich merkte er, daß er ein ganz andrer Mensch geworden war wie früher, und daß er früher gedacht hatte, er wolle lieber tot sein als so leben, wie der Mann schilderte, und daß er jetzt so lebte. Und dazu wurde ihm klar, daß er jetzt viel log; denn der fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit, und der ernsthafte Jordan redete die Wahrheit, und dieser Mann; aber er selbst hatte sich in Lügen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten.
Er wußte aber nicht, was er antworten sollte; denn nicht nur gibt es ja keine Antwort auf die Frage, sondern er selbst war auch so verwirrt, daß er auch sonst nichts Rechtes zu sagen gewußt hätte. Deshalb sprach er nur, daß das eine Sache des Glaubens sei; wenn einer glaube, daß er in seinen Gedanken und Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde, so sei es so, und wenn er das nicht glaube, so sei es nicht so. Hiermit war dem Mann nun wohl nicht sonderlich gedient; aber er merkte wohl, daß Hans ihm nicht mehr zu sagen wußte, und deshalb forschte er nicht weiter.
Jordan hatte mit Anstrengung zugehört. Jetzt sagte er, es sei richtig, daß die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen; denn wenn wir alle in der herrschenden Klasse geboren wären, so würden wir so denken und handeln wie die, und die Arbeiter verurteilen, und doch wären wir im übrigen genau solche Menschen wie jetzt. Hierüber versuchte Karl zu bemerken, daß sie beide als Studenten doch der höheren Klasse angehörten; es zeigte sich aber, daß die Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen, sondern sie mit einer liebenswürdigen Nachsicht betrachteten, etwa wie ein alter Förster einen jungen Herrn mit auf den Anstand genommen hat, und dieses Urteil ergab sich nicht aus den Worten, die sehr zartfühlend waren, aber man merkte es doch in der Gesinnung. Der alte Mann jedoch sagte zum Schluß, wenn die Gerechtigkeit nur ein Rauch sei, so sei die ganze Welt sinnlos; damit erhob er sich zum Gehen und war erregt wie einer, der einen heftigen Kampf für sein Liebstes streitet und dabei doch das Gefühl hat, daß sein Kampf nutzlos ist.