Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr; er gab dem Förster die Hand und sagte zu ihm: „Guten Tag, mein lieber Werther“; er fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers. Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm, weil er leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat, anstatt zu sparen und zu wirtschaften. Deshalb wollte er den kleinen Hans später auch nicht in Herrendienst geben, wiewohl ihm das Herz blutete, wenn er dachte, daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte, in dem Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren; aber er sollte einmal ein freier Mann werden, daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht gehorsamen mußte, wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden; deshalb wollte er ihn studieren lassen, denn er dachte, ein Studierter brauche niemandem zu dienen und könne immer tun, was recht ist. Abends, wenn er einmal ein Halbstündchen Zeit hatte, nahm er das Kind zuweilen auf den Schoß und sprach mit ihm, daß er fleißig sein müsse und lernen, dann müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt, sondern könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann. Der Graf war nicht böse, aber er hatte keine langen Gedanken. Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten; aber wenn er in der Stadt lebte, so hätte er sich geschämt, wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen, die reicher waren wie er. Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen und mit der Frau Werther geredet über Haushalt, Wirtschaft und Kindererziehung; da schienen seine Meinungen so verständig und ordentlich, daß die Frau sich immer noch wunderte, wie so ein Herr solche Einsichten haben konnte in Dinge, die ihm doch ganz fern lagen; aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung, Ordnung und Einrichtung. Er nahm nur aus den Kassen das Geld, das er brauchte, ohne sich zu überlegen, ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen. Seine Kinder wuchsen auf, ohne daß er sich klar machte, zu welchem Ende und unter welchen Einflüssen, denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken. Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister; und die Tochter, die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam, wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen wären, suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für sich und bat den alten Pfarrer, bis er sie im Lateinischen unterrichtete. Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf; da hörte der Vater zuerst von ihren Studien, schüttelte den Kopf und sagte, daß ihm ihre Wege nicht gefielen. Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr fort in ihrer Weise, und bekümmerte sich niemand darum. Es ging dem Grafen, wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht; er hatte weder Amt noch Dienst, sorgte nicht für seine Angelegenheiten, noch für seine Familie, fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen, und doch hatte er nie Zeit; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern, wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt.
Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege. Da war ein Bursche im Stall, an den hingen sich die Jungen, der war ein tüchtiger Knecht; machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut, aber war ein Schürzenjäger; durch den lernten sie frühzeitig viel, und weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte, so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger, wie es bei dem Verführer gewesen, der später ein ordentliches Weib kriegte, das ihn gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte. Noch ärger war es, daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und lachten, wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder von neuem begehrten; und wie sich einmal die Leute untereinander rühmten, welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe, und allerhand beizende Mittel erzählten, gestoßenen Pfeffer, Schwefelsäure, die den Branntwein perlen macht, und Tabaksbrühe, krähten die Jungen auch dazwischen und verredeten sich, daß ihnen das Schärfste das Wohlschmeckendste sei, tranken auch von dem gepfefferten Branntwein. Endlich fand sich ein uralter Mann, der früher Taglöhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde, wofür er die Gänse hüten mußte, der war schon in jungen Jahren ein schlechter und liederlicher Bursche, und nun, in seinem Hochalter, verwirrten sich ihm vollständig alle Begriffe von gut und böse, daß er in seinen Begierden schlimmer wurde wie das Vieh, nämlich nicht bloß schamlos, sondern rühmerisch und frech. Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem Gesinde dem Übel Einhalt zu tun, indem sie den Böswilligen verboten und die Jungen zu sich ziehen wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen die Schlechten und Liederlichen die Oberhand, auch wenn sie in der Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht lieber zu der übeln Seite, wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das Laster ist verführend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden ist wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft verführt durch freche und unbotmäßige Reden, übertreibende und lügnerische Erzählungen und falsche Scham.
Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem großen Kreise besprochen würde und weite Wirkung ausübte; das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und beurteilt, und mancher Taglöhner wußte von Art und Schlag des Grafen, seiner Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst. In unserer Zeit ist die Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerüttelt, und alle alten Bande sind gesprengt, die bewirkten, daß es ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen, daß dieser Zustände Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer aber genau zusieht, der wird merken, daß diese allgemeine Ungebundenheit im Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt, indem die Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten; viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen sinken wieder, denn sie können sich nicht oben halten; manche aber bleiben oben, und auch einer gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu steigen, wenn sie sich doch als tüchtig erweist. In solchem Vorgang übt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine außerordentliche Wirkung, denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder in aufrührerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und stolzer; und bei beiden wird der Freiheitssinn gemehrt, bei den einen der Sinn für die Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und notwendige Verderben treibt; bei den andern der Sinn für die Freiheit der Zucht und Ehre, die sie tüchtig machen, sich zuoberst zu setzen in die verlassenen Stühle; denn nachdem sie gelernt, in Ehre zu gehorchen, vermögen sie auch in Ehre zu befehlen.
Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse immer mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung; aber wenn die beiden zusammenkamen, so äußerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich ihre wahre Beziehung, die seelische, die wichtiger ist wie die äußerliche der zufälligen Verhältnisse. Der Förster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt als ein großer, magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein und durch sein fröhliches Leben fett war, ging flüchtiger und schneller, indem er ein wenig zurückblieb, und sprach oft Sätze, mit denen er seinen Förster zum Lächeln bringen wollte. Der Förster behielt wohl, was sein Herr sagte, aber er bezog sich später nie wieder auf seine Worte, wenn sie nichts Dienstliches betrafen; der Graf aber erinnerte den Förster oft an frühere Aussprüche. Doch je liebenswürdiger der Graf war, desto bitterer wurden des Försters Gedanken, denn er gedachte des alten Herrn, der ein rauher und fester Mann gewesen war, der von jedem seine gebührende Ehrenbezeigung verlangte; der hatte ihm einmal ein Trinkgeld gegeben, als er noch Jägerbursche war, und dazu gesagt: „Bleib ein ordentlicher Kerl“; wie er tot war und aufgebahrt lag, war er in Uniform und hatte den Helm auf dem Kopf; aber wie sie ihn einsargten, mußten sie ihm den Helm unter den Arm geben, das hatte er so angeordnet vor seinem Ende. Dann mußte er auch immer den Bocksklee bedenken; das war ein Vorwerk gewesen mit schlechtem Boden, das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte, und von seiner Hand war noch der Plan da, wie es mit dem Umtrieb gehalten werden sollte, des Windbruches wegen; und wenn er sich die viele Mühe und Sorge, die durchwachten Nächte und arbeitsreichen Tage vorstellte, die seine Vorfahren verbracht hatten, bis der Wald so stolz und wertvoll war, so kam ihm der Groll bis an die Kehle und hinderte ihn zu sprechen. Keinen Stand gibt es, der so mit der Arbeit der Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft verwachsen ist wie der Försterstand; denn was ein Förster erntet, das haben die Toten gepflanzt, deren Gräber längst eingesunken sind auf dem Kirchhof; und was er pflanzt, das wird man ernten, wenn die Söhne seiner Urenkel als Männer im grünen Rock durch den Wald gehen. Deshalb ist etwas Adeliges in einem rechten Förster, denn er weiß, daß der Mensch nicht ein haltloses Gesindlein ist, das morgen lebt mit dem Taglohn von heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen Verdienst, sondern der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für die Nachkommen, nicht von seinem Verdienst, sondern nach seinem Gewissen.
Ein Kind, das in solchen Lebensumständen aufwächst, bekommt etwas Besonderes mit. Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als eines fast zufälligen zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes; aber doch nicht in der Form des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf den Besitz, wie im Bauernstand, sondern in der Form des Gefühls für reine Ehre und strenge Pflicht; denn nicht für sich und seine Kinder pflegt der Förster sein Gut, sondern für andere.
Kein Mensch weiß, wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie Erbschaft und Einfluß einander bestimmen. Ganz kleine Kinder haben in viel höherem Maße wie Erwachsene die Fähigkeit, aus Miene und Haltung zu erfahren, was in einem andern ist; und in viel höherem Maße haben sie auch den Trieb, nachzuahmen, Äußerliches wie Innerliches. Kaum hatte der kleine Hans gehen können, da legte er schon die Hände über den Rücken und ging ernsthaft in der Stube auf und ab mit steifen Schultern, wie sein Vater tat am Sonntagnachmittag, sagte er sein Nein oder sein Ja mit derselben Betonung wie der Vater; und da seine gesamte Umgebung dieselbe war, in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren, so nahmen alle seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung, wie sie bei Vater und Großvater genommen hatten, und seine Art wurde noch stärker, wie die seiner Vorfahren gewesen.
Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube saß er dann am Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit kleinen Steinchen bedeckt gewesen; aber wenn die großen Flocken ans Fenster wehten, so vergingen sie schnell, indem sie niederglitten. An manchen Tagen, wenn es nicht schneite und sehr kalt war, taute auch in der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war es wieder mit einer dünnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht weiß. Im Walde war ein Krachen, Tönen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn die Kälte so groß war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren; dann dachte er an den letzten Luchs, den sein Großvater hier geschossen, und seine Fäuste ballten sich; und an die Franzosenzeit dachte er, wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war, und er schämte sich, daß alle solche Furcht gehabt hatten. Denn wer recht hat und Gott fürchtet, der muß ausharren, wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von den sieben Brüdern und ihrer Mutter; wie die Mörder sechs zu Tode gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war: „Worauf harrt ihr? Gedenket nur nicht, daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein will“, und ließ sich auch martern, trotzdem er noch klein war.
Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern; aus den Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis, von dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns, von den vier Reitern und von dem Tier, das über den Gewässern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene, so wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich, daß wir die Offenbarung haben, und daß unser Herr Jesus für uns gestorben ist, an den wir glauben müssen, und können nicht irren. Und wir sehen alle Tage, daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht; denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat, so verrinnt das doch bald, wie es Klaus Hörgen geschah, der aus der Fremde heimkam mit einem großen Vermögen, sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat; was geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft, und kam in Schimpf und Schande. Daß es aber einem guten Menschen schlecht ginge, das ist noch nie geschehen; es müßte denn sein wie bei der frommen Genoveva, weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben für andre.
Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden, und die hohen Stämme standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und in die Wipfel schaute in der tiefen Stille, spürte er ein leises Wiegen der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten, hoch oben. Das war eine andre Welt, hoch oben; wenn man ein andres Wesen wäre, ein Vogel oder ein Eichhörnchen, so lebte man da, hüpfte von Ast zu Ast, und alles, was unten ist, sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an. In die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes, ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drängte sich dicht, und eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal überzieht und alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos. Das war wunderbar, wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit der Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott; dieses war auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir uns nicht gern schämen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt, wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und das machte ihn sehr froh, und es war ihm, als müßte es sich innerlich ganz ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt wird; er war im Walde und in einer sehr großen Stille.
Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu denken, Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts, hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und sein Gefühl war wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite; und dann wurde ihm klar, daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen war; und er wußte genau, daß er ein andrer Mensch geworden wäre, wenn er unter Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.