Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich über Wohnung, Kleidung, Nahrung meiner Arbeitsgenossen gemacht habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden Mitteilung für wert halte.

Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger, hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“ nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter, die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als wir in unserm Viertel.

Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über, und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf: zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen, niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite, mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.

Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll. Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen, mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter, und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.

Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten, noch Familienwohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete das Heim eines — wenn ich recht sah — sehr großen Teiles unsrer Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben. „Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine Stube?“ waren ganz übliche Worte.

Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke versehen war.

Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder dem ähnliche Gartengebäude.

Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend, ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise reichten sie freilich nicht hinan.

Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten, läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten, die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam; an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.