Es ist im Verlauf unserer Darstellung dauernd des Einflusses gedacht worden, den Rousseau auf die ganze Gedankenbewegung des deutschen Idealismus gehabt hat. Ihr gegenüber erscheint der Einfluß Rousseauscher Gedanken auf die politische und literarische Entwickelung in Frankreich fast als geringfügig. Gewiß, die Bergpartei stritt ebenso unter dem Zeichen Rousseaus wie die Gironde unter dem Voltaires, gewiß in Maine de Biran wurden die Konsequenzen der Gedanken Rousseaus für die Philosophie ebenso gezogen wie in George Sand für die Literatur. Aber schon bei der romantischen Richtung in der französischen Literatur erscheint es mitunter zweifelhaft, ob ihre Prinzipien direkt aus Rousseau entwickelt, oder aus den deutschen Fortbildungen dieser Gedanken übernommen sind. Im wesentlichen vollzieht sich die Fernwirkung auf deutschem Boden; hier wurde Rousseau nicht das Fundament einer Guillotine, sondern einer neuen Kultur. In den mannigfaltigsten Wendungen begegnen wir hier Rousseaus Gedanken, vertieft, erweitert, geläutert, aber doch unverkennbar Geist von seinem Geist. Kant und Herder, Goethe und Schiller, sie sind ohne Rousseau nicht zu denken, und durch sie bildete sich die neue Wissenschaft, die neue Philosophie, die neue Dichtung des deutschen Idealismus. So tritt Rousseau ein unter die Heroen eines Volkes, auf dessen Boden er niemals den Fuß gesetzt, bei welchen eine Freistätte zu suchen, er selbst in der äußersten Not verschmäht hat. Wir haben mehr aus Rousseau gewonnen, als wenn wir ihn unseren Landsmann hätten nennen können. Wir haben seinen Geist zu uns herübergezogen, wir haben ihn uns zugeeignet. Die tausend Anregungen, die er verschwenderisch ausgestreut hat, sind in Deutschland auf guten Boden gefallen und haben hundertfältig Frucht getragen. Daher haben wir ein Recht auf Rousseau, wie der der rechte Erbe ist, der das überkommene sich zueignet, indem er es nützt. Und wenn wir an der Fortbildung des deutschen Idealismus weiter arbeiten, wenn wir in ihm das Heil für die schweren Zweifel und Schäden auch unserer Zeit erblicken, dann ziemt es sich auch, des Mannes zu gedenken, der allen den Großen unseres Volkes teuer war als ihr Lehrer, des großen Heimatlosen an der Grenze zweier Zeitalter.

Synchronistische Tabelle
über Leben und Schriften Jean-Jacques Rousseaus.

Leben.Schriften.
1712 28. Juni zu Genf geboren, Vater Uhrmacher, Mutter eine geborene Bernard, stirbt nach der Geburt.
1722Sein Vater verläßt Genf; J.-J. kommt zu einem Onkel Bernard, dann zu Pfarrer Lambercier nach Bossey bei Genf.
1724Zurück zu seinem Onkel; Lehrling beim Gerichtsschreiber Masseron.
1725Lehrling beim Graveur Ducommun (S. [4]).
1728März, verläßt Genf (S. [4]) Ostern, lernt Mme de Warens kennen. 27. April, tritt in Turin zur kath. Kirche über, wird Lakei bei der Gräfin Vercellis, nach deren Tode zum Grafen Gouvon; lernt
1729den Abbé Gaime (S. [80]) kennen. Verläßt den Dienst und kehrt nach Annecy zu Mme de Warens zurück. Ein Versuch, Priester zu werden, scheitert (S. [7]).
1730Studiert Musik bei Le Maître, begleitet ihn nach Lyon und verläßt ihn dort (S. [11]), gibt in Annecy Musikunterricht, trifft mit Frl. Galley und Graffenried zusammen (S. [10], [72]).
1731Streift abenteuernd in der Schweiz und Frankreich umher, kehrt
1732zu Mme de Warens nach Chambéry zurück, Mme de Warens wird seine Geliebte (S. [9]), wird Geometer, später wieder Musiklehrer.
1736Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit Aufenthalt in Les Charmettes.
1737Sept. Reise nach Montpellier, um Heilung zu suchen.
1738Rückkehr zu Mme de Warens.1738Réponse au Mémoire anonyme, intitulé: Si le monde que nous habitons est une sphère.
1739Le Verger des Charmettes, philosophisches Gedicht.
1740Hauslehrer in Lyon bei Herrn von Mably (S. [63]).1740Schrift über das Notensystem (S. [6]).
1741Rückkehr nach Chambéry. Trennt sich von Mme de Warens, geht nach Paris, um seine Theorie der Musik der Akademie vorzulegen.
174222. Aug., Sitzung der Akademie, Rousseau legt seine Schrift vor, wird beim Finanzpächter Dupin eingeführt.1742Oper Les Muses galantes, Lustspiel Les Prisonniers.
1743Geht als Sekretär des Gesandten Montaigue nach Venedig (S. [44]).1743Sur la Musique moderne.
1745Rückkehr nach Paris, Bekanntschaft mit Thérèse Levasseur (S. [10]), Aufführung der Muses galantes, Tod des Vaters. Wird Kollaborator bei Francueil. Freundschaft mit Grimm und Diderot (S. [8]).
1747Lustspiel: L'Engagement téméraire, Gedicht: L'Allée de Sylvie.
1749Gefangenschaft Diderots in Vincennes (S. [8], [15]). Rousseau gibt sein Amt als Kollaborator auf. Kopiert Noten.
1750Rousseau gewinnt den Preis der Akademie von Dijon (S. [15]).1750Discours qui a remporté le prix à l'Académie de Dijon en 1750; Si le rétablissement des sciences et des arts a contribué à épurer les moeurs (S. [13]).
1751Observations sur une réfutation du Discours par le roi de Pologne (S. [17]).
1752Aufführung des Devin du Village in Fontainebleau (S. [6]).
1753Lettre sur la Musique française. L'origine de l'inégalité parmi les Hommes, gedruckt 1755 (S. [13] ff.).
1754Reise nach Genf, tritt zum Kalvinismus über, erlangt das Bürgerrecht (S. [4]).
1755Artikel: Économie politique in der Encyclopédie (S. [22]).
17569. April zieht in das Landhaus der Mme d'Epinay L'Ermitage bei Montmorency. Verhältnis zur Gräfin d'Houdetot (S. [9]).1756La Reine fantasque, komisches Märchen. Schreibt la Nouvelle Héloïse (erscheint 1761) (S. [69]), Extrait de la paix perpétuelle de l'Abbé de St. Pierre. Extrait du traité sur la polysynodie. Lettre à Voltaire (S. [86]).
1757Verläßt die Ermitage. Bruch mit Mme d'Epinay, Grimm und Diderot (S. [9]).1757Lettre à d'Alembert sur les Spectacles (S. [24]).
1759Zieht in das dem Marschall von Luxembourg gehörige kleine Schloß von Montmorency.
1762Haftbefehl des Parlaments. 8. Juni verläßt Rousseau Montmorency, Flucht nach der Schweiz. Der Emile in Genf verbrannt (S. [50]). Rousseau aus Bern ausgewiesen, findet Zuflucht in Motiers-Travers im preußischen Neufchatel. Freundschaft mit Lord Maréchal Keith (S. [9]).1762Contrat social (S. [27])
Émile (S. [49]).
1763(12. Mai) Rousseau gibt sein Genfer Bürgerrecht auf.1763Lettre à Christophe de Beaumont, Archevêque de Paris. (S. [91]).
1764Lettres écrites de la Montagne (S. [45]).
1765Sept., wird aus Motiers vertrieben, flüchtet nach der Isle St. Pierre im Bieler See, von da ausgewiesen, nach Straßburg. 2. Nov. mit David Hume nach England.1765Entwurf zu einer Verfassung für Korsika (S. [46]).
1766Nach Wootton zu Davenport. Beginn der Geisteskrankheit. (S. [12]).1766Schreibt an den Confessions (erschienen 1782) (S. [3]-13).
1767Flucht nach Frankreich, Aufenthalt im Jagdschloß Trye des Prinzen Conti.1767Dictionnaire de Musique.
1768Reise durch Frankreich; längerer Aufenthalt in Bourgoin, dort Eheschließung mit Thérèse, (August).
1769Monquin (Beschäftigung mit Botanik) (S. [6]).1769»Quelle est la vertu la plus nécessaire aux héros?«
1770Paris. Liest die Confessions vor, diese Vorträge polizeilich verboten.1770Considérations sur le gouvernement de Pologne (erschien 1782) (S. [46]). Rêveries d'un promeneur solitaire (erschien 1782) (S. [13]).
1774Zusammentreffen mit Gluck.1772-
1776
Rousseau juge de Jean-Jacques, Dialogues (S. [13])
1778(20. Mai) Nach Ermenonville zu M. de Girardin. 2. Juli Tod (S. [13]).

Fußnoten

[1] Le premier qui ayant enclos un terrain s'avisa de dire »ceci est à moi«, et trouva des gens assez simples pour le croire, fut le vrai fondateur de la société civile. (Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes. Seconde partie. 1754.)

Textänderungen im Rahmen der Transkription

Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext beibehalten. Änderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen.