Und wie lange soll ich mich gedulden? fragte sie, ihn flehentlich ansehend.

Es hängt von Euch ab, erwiderte er. Wie lange braucht Ihr, um einen jungen Mann zu Euren Füßen zu sehen, der bisher im Ruf eines Tugendhelden stand?

Ein Zug von Neugier und Interesse trat auf ihrem Gesicht hervor, das noch eben ganz Schmerz und Verzweiflung gewesen war. Von wem redet Ihr? fragte sie.

Von jenem Deutschen, der mit Gritti befreundet war, dem Sekretär des
Wiener Ministers. Ihr kennt ihn?

Ich habe ihn bei der letzten Regatta gesehen. Gritti zeigte mir ihn.

Er ist die Eins vor der Null seines Gebieters. Wir haben Ursache, zu glauben, daß er sich im stillen einen starken Anhang unter unseren Gegnern zu werben und die Verstimmung, die Querinis Handel zurückgelassen hat, zu Gunsten seines Souveräns auszubeuten sucht. Er ist ungewöhnlich verschlagen. Von den vier Beobachtern, die wir unter den eigenen Leuten des Gesandten in unseren Sold genommen haben, hat noch keiner die geringsten Beweise in unsere Hand geliefert. Die Inquisitoren setzen ihr ganzes Vertrauen in Euch. Leonora, daß Ihr den Schlüssel zu diesem wohlverriegelten Geist finden werdet, wie es Euch schon manchmal geglückt ist. Dies war nicht zu hoffen, solange Gritti dazwischen stand. Seine Verbannung ebnet den Weg und gibt zugleich den Anlaß einer Annäherung an den unzugänglichen Menschen, dem die Freundin seines Freundes jetzt, da ihr den Verlorenen gemeinsam betrauert, größere Teilnahme einflößen muß als früher. Das übrige überlasse ich der Macht Eurer Reize, die niemals unwiderstehlicher waren, als wo sie auf Widerstand stießen.

Sie überlegte eine Weile. Ihre Stirn hellte sich auf, ihre Augen gewannen einen kühnen, stolzen Ausdruck, ihr schöner voller Mund öffnete sich halb und ein nachdenkliches Lächeln irrte über die Lippen. Ihr versprecht, sagte sie endlich, daß Gritti sofort zurückgerufen wird, sobald ich den anderen Euch überliefert habe?

Wir versprechen es.

So soll es nicht lange dauern, bis ich Euch an die Erfüllung Eures Wortes mahne. Sie stand auf und warf das Tuch fort, das sie über Tag naß geweint hatte. Andrea konnte aus seinem Versteck ihren Gang das Zimmer auf und ab nur eine Strecke weit verfolgen, da die Spalte zu schmal war, um den ganzen Raum zu übersehen. Er bewunderte die königliche Haltung der Gestalt, während sie, wie in Gedanken an neue Siege, langsam über den Teppich des Gemaches hinwandelte, das Auge groß aufgeschlagen, das Haar zurückschüttelnd von den weißen Schläfen. Es durchzuckte ihn seltsam, als ihr Blick, der gegenstandslos in der Höhe herumschweifte, an ihm vorüberglitt. Unwillkürlich fuhr er zusammen, als wäre es möglich gewesen, daß sie ihn entdeckte.

Der Mann im Lehnstuhl unten stand auf, schien aber seinerseits blind für ihren Zauber, denn im ruhigsten Geschäftston fuhr er fort: Der Nuntius ist in der letzten Zeit seltener in Euer Haus gekommen. Ihr waret zu offen mit Euren weltlichen Neigungen, besonders das Spiel hat sich hier zu breit gemacht. Es wäre uns lieb, wenn Ihr wieder einige geistliche Bedürfnisse empfändet und den regen Verkehr mit der Eminenz von neuem anknüpftet. Die Beziehungen der Papalisten zu Frankreich werden seit einiger Zeit beunruhigend.