Fünftes Kapitel.
Wie Glückspilzchen ihre Nachtherberge verläßt und mit der Frau Bösgewissen Bekanntschaft macht.

Die Waldvöglein in Zweigen
Stehn singend auf beizeit,
Derweil noch schlafen und schweigen
Der Menschen Lust und Leid.

O Jubel und o Wonne,
Nach Nächten, dunkel und bang,
Zu grüßen die liebe Sonne
Mit frohem Lied und Klang!

Zu schweben und zu schwanken
Da droben hoch im Blau'n,
Zu trösten die Müden und Kranken,
Die drunten auf Träume bau'n;

Und zu rufen hinab in die Lande:
Wacht auf nun, nah und fern!
Es kommt in des Frühroths Brande
Ein neuer Tag vom Herrn.

Wohlauf denn und frisch gesungen,
Ein Jedes nach seinem Brauch!
Ist's nur vom Herzen erklungen,
Gefällt's dem Himmel auch.

So ungefähr sang die Lerche, die am Morgen beim Frühconcert die erste Stimme trillerte; es war nur Alles noch viel besser und fröhlicher, so köstlich daß man's gar nicht mit bloßen Worten wiedergeben kann, und die andern lustigen Sänger hielten sich auch brav dran. Da stand auch die Sonne bald auf, wischte sich die Nebel vom Auge und hielt nicht länger mit ihrem goldnen Schein hinterm Berg.

Glückspilzchen aber, wie es auffuhr aus dem Schlaf, wußt' es erst gar nicht, wo es war; denn daß das Zimmerchen in einer alten hohlen Eiche stecke, fiel ihm nicht ein. Das Licht fiel spärlich durch ein rundes Astloch, das die alte Base Spinne aus Gefälligkeit mit Spinneweb wie mit einer Fensterscheibe überzogen hatte, und davor hatten die Eichkätzchen gestern Nacht ein großes Blatt geheftet, um den Mond abzuwehren, so daß eine halbe Dämmerung ringsum war. Da bekam Glückspilzchen rechte Furcht, und wie sie ihren Bruder, den langen Poeten, nicht fand, auch die Käke nicht mehr im Arm hatte, setzte sie sich wieder auf das Moosbettchen, nahm die Schürze vors Gesicht und weinte bitterlange Zähren; denn von der Thür fand sie auch keine Spur, weil die Fugen in der Rinde nicht bemerkbar waren. Sie hatte aber kaum ein paar Dutzend Thränen geweint, da ging die Thür auf und Springinslaub trat herein, und hinter ihm die alte Großmama, die trug auf einem Brett den wundervollsten Eichelkaffee in Wallnußschalen und prächtige Erdbeeren, die ihre Enkel schon in aller Frühe im Walde gesucht hatten. Glückspilzchen hörte plötzlich ein bischen auf mit Weinen, denn sie verwunderte sich gar zu sehr über den zierlichen Besuch. Die alte Eichkätzchengroßmama aber setzte sich freundlich und liebreich neben sie und erzählte ihr, wie sie gestern von ihren Enkeln hereingebracht wäre, und sie solle nur bleiben, so lange sie wolle, und sie würden's ihr schon angenehm machen. Glückspilzchen saß wie im Traum, ließ sich aber von der Alten und den Andern, die nach und nach Alle Visite machten, geduldig das Ohrläppchen küssen und zum Frühstück nöthigen; denn sie meinte, es wäre doch Alles Traum, und sie würde bald aufwachen und Käke und ihren Bruder und auch den blonden Schusterjungen wiedersehen.

Indessen rief die Großmama eins von den Eichkätzchen heran und sagte: Knackzähnchen, erzähl' wo du gewesen bist und was du gesehn hast beim Erdbeersammeln. Da sagte das Eichkätzchen mit feiner Stimme:

Wo die blauen Veilchen sprossen,
Sind drei Bächlein hergeflossen
Ueber Nacht, wie wunderbar!
Salz'ge Bächlein, rasch und klar,
Drüber sich die Zweige spreiten.
Auf dem einen sah ich gleiten
Eine Puppe klein und schmächtig,
Augen funkelhell und prächtig,
Zähne blank wie Elfenbein;
Gar erbärmlich that sie schrein.
Sagt, weß mag die Puppe sein?