Eine ganze Zeitlang lebten sie also mitsammen, und Musje Morgenroth ward gar wohlbeleibt, denn die kräftige Fleischbrühe schlug bei ihm gut an, besonders weil er von der Fee her nicht an allzunährende Kost gewöhnt war. Einen Tag um den andern mußt' er mit seinem Pfefferröhrchen die Kleider des Pikbuben ausklopfen, und das gab immer entsetzlich viel Staub. Es stand da ein großes Conterfei vom Pikbuben unter den andern Tröpfen; da hängte er den Rock und die Beinkleider des Originals an, stieg mit der Leiter hinauf und klopfte dann was er nur konnte. Nebenan, d. h. wenn man auf der einen Seite übers Gebirg stieg, war die große Wüste Sahara, und da zog der ganze Staub hinüber. Die armen Kameele und Reisenden meinten dann, es käme ein Wirbelwind, der den Sand aufwühle; es war aber nur der Staub aus des Pikbuben Garderobe.

Manchmal kamen auch des Pikbuben Vettern über die Berge. Der aber konnte sie nicht ausstehn, weil sie ihn den schwarzen Peter schimpften, und jagte sie wieder fort; denn er meinte, er wäre allein Trumpf, und der Coeurbube und Carobube und Trefle dürften sich nicht wichtig machen. Ja er hatte so seine Schrullen, und dann war er sehr schlimm und wüthig.

Eines schönen Morgens hatte er auch wieder so getobt und entsetzlich viel Staub gemacht, daß der erschrockene Musje Morgenroth sich sein Pfefferröhrchen an den Beinkleidern zu Schanden klopfte. Da saß er nun und war gar bekümmert. Ach, dachte er, wenn ich doch wär', wo der Pfeffer wächst! Und wie er so sann, kam ihn immer gewaltigeres Verlangen an, fortzulaufen, daß er den Finger an die Nase legte und nachdachte, wie es wohl anzustellen sei. Den Dampfstuhl hatte der Pikbube gleich wieder geheizt und leer weiterfliegen lassen. Gott weiß, wo der jetzt steckte! So bloß Reißaus nehmen, ging nimmer an; denn der Riese hätte mit den Siebenmeilenstiefeln das arme Stiefelputzerchen wohl eingeholt, und wenn es auch den Vorsprung einer ganzen Nacht gehabt hätte. Endlich fiel ihm eine List ein, um den Riesen auf einen falschen Weg zu leiten; denn da konnt' er in alle Ewigkeit laufen, ohne ihn einzuholen. Der Pikbube aber war gar einfältig, so wie man es bei gebildeten Leuten oft findet, wenn sie vor lauter Weisheit nicht klug sind. Denn weise war er, das mußte man ihm lassen, und hatte erstaunlich viel Gelehrsamkeit am Leibe. Musje Morgenroth also trat mit einem gar ehrlichen Gesicht zu ihm und sagte: Ich habe darüber nachgedacht, Excellenz, wie wohl es mir hier geht, und bin so zu sagen ordentlich gerührt dadurch. Ich könnte mich sogar entschließen, auf immer hier mein Jahr abzudienen. – Da schmunzelte der Pikbube und sagte: Ihr seid auch ein ganz ausnehmend gebildeter Mann, liebster Musje Morgenroth. Wer sonst bei mir war, hat sich trotz der menschenfreundlichen Behandlung fortgesehnt; ja einige haben sogar den Versuch der Flucht gemacht! – Excellenz scherzen! sagte Musje Morgenroth. – Nein, verlaßt Euch drauf, fuhr der Pikbube fort. Einer war schon weit in die schöne Gegend hineingelaufen; aber natürlich überholt' ich ihn mit den Siebenmeilenstiefeln. – Da that nun das kluge Stiefelputzerchen höchlich erstaunt, daß die Herrn Flüchtlinge nicht lieber durch die Wüste Sahara gelaufen wären. Es wär' so schöner gerader Weg, auch recht fest, absonderlich nach dem Regen, und auf der andern Seite, wo es in die schönen Thale hinabginge, lägen die fatalen Berge dazwischen. – Aha, dachte der Riese, er hat's doch schon heraus. Wollen uns nur in Acht nehmen, und wenn der Musje einmal vermißt wird, gleich über die Wüste ihm nachtraben. – Und wie er das dachte, strich er sich den Bart und meinte wunder wie fein er sei; und das war doch gerade die Einfalt.

Abends, als Beide zu Bett gingen, legte der Riese seine hohle Hand sorglicher als je über seinen Schlafkumpan und schlief dann ganz guter Dinge ein. Wie nun Musje Morgenroth ihn schnarchen hörte, zog er ein Federmesser heraus und piekte ihm tapfer in den kleinen Finger. Da wachte der Pikbube halb auf und fragte:

Warum hast du mich gestochen?
Morgen wird's an dir gerochen,
Ich zerbläu' dir alle Knochen!

Musje Morgenroth aber antwortete:

Es war ein Floh,
Der stach Euch so.
Ich armer Musje
Um Gnade fleh'.

Ich will mir's überlegen! brummte der Riese und schlief wieder ein. Da piekte ihm Musje Morgenroth wieder herzhaft in den kleinen Finger. Der Pikbube aber war schon tief eingeschlafen; weil er's aber im Traum fühlte, und dachte, es wär' ein Floh, hob er die Hand auf und legte sie unter seinen Kopf. Musje Morgenroth aber stand ganz leise auf, schlug dem schnarchenden Riesen ein Schnippchen und huschte aus der Höhle hinaus.

Es war wunderherrlicher Mondenschein; die Tröpfe standen wie weiße Gespenster, unheimlich und spukhaft, und das Conterfei des Riesen schien dem Entwischten ein böses Gesicht zu schneiden. Der aber war bald übers Gebirg und wanderte lustig in die monddämmerige Gegend hinaus. Er hätte gern ein Lied gesungen; aber er fürchtete, es könne ihn verrathen, und so fuhr er nur immer verstohlen über die Saiten der Guitarre, die er nicht dahinten gelassen hatte, daß die Vögel im Traum meinten, es wär' im Himmel Concert. Und so ging er, ohne auszuruhn, vorwärts bis zum lichten Morgen.

Wie der Riese am Morgen aufwachte und Musje Morgenroth nicht fand, merkte er gleich Unrath, stand aber gar nicht zu hastig auf und fuhr gemächlich in seine Siebenmeilenstiefeln. Dann nahm er den Weg zwischen die Beine und stapelte in die große Wüste hinein, und immer immer weiter, bis er dahin kam, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Da merkte er wohl, daß er betrogen war; und noch dazu war so viel Sand in seine Stiefel gekommen, daß er die Füße nicht mehr heben konnte; und so ist er im Sande elendiglich umgekommen.