Doch zum Abschied drückte dir
Auf die linke Ecke hier
Seinen allerschönsten Kuß
Theophilus Sutorius.
Ihr könnt denken, Fedelint, wie sehr ich betrübt war; aber ich verzieh ihm, denn er hatte bei mir ausgelernt und hatte mich den Werth einer höheren wissenschaftlichen Ausbildung so hoch schätzen gelehrt, daß ich es ihm nicht verdenken konnte, wenn er Jemand suchte, der ihm über die neuesten Systeme der Kunst zu küssen Aufschluß geben könnte. Denn wir armen Geschöpfe leben gar zu einsam, um je andere Weisheit zu lernen, als die sich von Mutter zu Tochter fortpflanzt. Ich kehrte also traurig in die Tiefe zurück und lebte ganz im Andenken an den Verlornen; aber von der Zeit an ließ ich mich Undula nennen und trug griechische Kleider. Da erfuhr ich vor einigen Jahren, er habe ein Buch geschrieben, worin er unser ganzes Leben und Treiben klärlich schildert und alle Geheimnisse, die ich ihm anvertraut hatte, bekannt macht. Da verwandelte sich meine Liebe zu ihm in einen glühenden Haß. Zwar hat zum Glück noch kein Mensch an sein Buch geglaubt; es kam ihnen allzu wunderbar vor, wie wahr es auch ist. Aber die Treulosigkeit ist doch dieselbe. – Dabei vergoß Undula einige Thränen, die von den schönen Perlemuttermuscheln aufgefangen wurden, und sich sogleich in Perlen verwandelten.
Ja, fuhr Fedelint auf, das alte Kameel! Und wißt Ihr denn, schöne Weinende, daß er neulich ein Buch geschrieben hat »Ueber die Nixe Undula« und daß Ihr als eine allegorisch-phantastisch-etymologische Mythe aufzufassen seid? – Ach, seufzte Undula, der Schändliche! Und doch schleicht er hier beständig herum in seinem großblumigen Schlafrock mit der langen Pfeife und in Pantoffeln und ruft nach mir. Denn er möchte Funzifudelchen gern haben und das halbe Reich, und das Buch hat er nur geschrieben, um die Andern irre zu führen. Ich bin schon seit Monden nicht heraufgetaucht und habe das Lied nicht gesungen. Aber heut kam mich eine unwiderstehliche Lust an, den Mondschein zu schaun, und da es schon so weit nach Mitternacht war, glaubt' ich, ich hätte von Sutorius nichts mehr zu befürchten. Da habt Ihr mich denn belauscht, und weil Euer Schlafrock ganz eben so aussieht, wie der des Sutorius, hab' ich wahrhaftig geglaubt, den Verhaßten zu sehen, und Euch die Hörnlein angezaubert, um ihn klassisch zu bestrafen. So wißt Ihr nun, wie Alles gekommen ist.
Sechstes Kapitel.
Fiedler und Student.
Nachdem die Nixe ihre Geschichte beendet hatte, folgte eine kleine Stille. Dann sagte Fedelint und betrachtete traurig seine Mütze, die nun nicht mehr passen wollte: Liebes, schönes Fräulein! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Das Lied kenne ich nun wohl, wodurch ich Funzifudelchen gewinne; aber mit dem Kopfputz wird sie mich doch nimmermehr lieb haben. – Närrchen! lachte die Nixe, das ist das Wenigste. Ja freilich habt Ihr ein bischen Mühsal davon, denn Ihr müßt Euch die Hörner ablaufen; aber ich sag' Euch gut dafür, daß Ihr in der nächsten Mitternacht vor dem Glas-Pavillon steht und dabei, wenn Euch der Kopf friert, wie sonst die Mütze aufhaben werdet. Das müßt Ihr aber so anstellen. Seht Ihr wohl? da hinter den Bäumen, wo die lichte Stelle ist, dämmert schon der Morgen; sobald es Tag wird, macht Euch auf und streift durch den Wald und seht dabei fleißig nach Eurer Taschenuhr. Denn alle Stunde müßt Ihr die Hörnlein gegen einen Eichstamm stupfen; dann werden sie kleiner. Abends aber, sobald der Mond herauf ist, wird Euch ein braunes Reh begegnen, das noch kein Geweih hat. Eure Hörnlein sind dann schon ganz kurz, kaum eines Daumens stark. Wenn Ihr das Reh seht und sein Rufen hört, sprecht folgenden Vers:
Rehlein schlank und Rehlein braun,
Von der allerschönsten Fraun,
Undula der Wassernix,
Bring' ich zu dir Gruß und Knix.
Und sie läßt dir freundlich sagen,
Dies Geweihlein sollst du tragen.
Nimm's und hab noch tausend Dank,
Rehlein braun und Rehlein schlank!
Dann fühlt nach Eurem Kopf, und Ihr werdet der Bürde los und ledig sein. Wißt Ihr aber? wenn Ihr mir was Liebes thun wollt, dieweil ich Euch zu Funzifudelchen verholfen habe, so werft dem Professor Sutorius am hellen Tage die Fenster ein. Und nun Adieu!
Sie steckte Fedelint noch die Taschen seines Schlafrocks mit den beaux-restes der Mahlzeit voll, Alles fein säuberlich in große Blätter gewickelt, und nahm dann Abschied. Einige Geschichtschreiber meinen, die Nix habe ihn noch zu guter Letzt im Küssen examinirt, und er habe ganz glänzend bestanden. Wir können das nicht verbürgen; so viel aber steht fest, daß er zu sich selbst sagte, wie er durch den dämmernden Wald dahinschritt: Es ist doch zuweilen gut, wenn man getrennt ist von seiner Braut und die eine verwunschene Prinzessin ist, daß sie nicht alles sehn kann, was man thut.