Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich deutlich den Ausdruck eines göttlichen Hohnes aus, der durch seine Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter—einen Gruß, den ich wohl mir allein aneignen durfte—, schwenkte dann gelassen, mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen.

Wir hatten alle andächtig zugehört, nur Rahl schien zu schlafen, wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdächtig in den Mondschein. Als der Erzähler jetzt schwieg, tat er einen tiefen Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um seinen Hut vom Haken zu nehmen.

Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest alle die feigen Schlafmützen! Wir sind eben im besten Zuge—Die Geschichte hat mir die Zunge ausgedörrt—noch einen Spitz, Herr Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Stätte in diesem miserablen neunzehnten Jahrhundert und müssen sich wieder hinausmaßregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu wählen hätte zwischen dem Schneider, der das Glück hat und die Braut heimführt, und jenem armen Burschen—ich wenigstens, so lange noch ein roter Tropfen—aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer?

Der Wirt näherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankäme—aber beim besten Willen—die Instruktionen sind erst neulich verschärft worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der selige Achilleus hat recht:

Lieber ein Tagelöhner im Licht, als König der Schatten!

Geben Sie mir die Hand, Schütz. Es ist hier so verwünscht dunkel, oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte!

Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran, ganz mit seinem alten rüstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte, ein Kellerlämpchen hoch über seinem Kopf haltend, voran, Schimon war der letzte und wartete an der Tür auf mich, als wolle er hinter mir abschließen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir, sondern sah mich nur mit einem wehmütigen Zwinkern seiner kleinen schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten erlebt!—Während wir durch den langen düsteren Hausgang schritten, fiel es mir auf, daß ich keinen Fußtritt hörte. Und dann wollte auch der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch deutlich über die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch das Zwielicht ragen, von dem Lämpchen rot angeschienen. Es fiel mir aufs Herz, daß ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich, ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir. Endlich trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn, der Atem stockte mir, ich fühlte meine Füße wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt. —Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte ich und sank auf eines der Fässer, die an der Wand standen.—Sagen Sie es den Herren—sie sollen draußen auf mich warten!

Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch die offene Tür, verlöschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in das heiße Gesicht. In demselben Augenblick dröhnte es Eins vom Frauenturm, und ich hörte eine Stimme neben mir: Das Haus wird geschlossen. Ich muß schon bitten, Herr, daß sie sich eine andere Schlafstelle suchen.

Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten, vierschrötigen Hausknecht ins Gesicht.

Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen
Augenblick—die Herren sind ja auch eben erst gegangen.