Die Stadt sollte sich beklagen.

Ja die Stadt! Da müßten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer will's beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, daß das nur die Soldaten getan haben können? Fassen wir einen am Kragen, so weiß er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts, als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, daß er's Wiederkommen vergißt. Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft exerzieren.

Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß. Ihr solltet's menschlich mit ihnen machen.

Machen sie's denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwürden—und er wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, daß das Laub schon welk und gelb an den Ranken hing—das Herz blutet einem, so ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem Herrn das Faß zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus purer Niedertracht, uns zum Possen. Find' ich einen einmal beim Werk, so gnad' ihm Gott!

Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde und bohrte sie darin heftig in den Sand.

Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, daß er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der Kaserne zu lassen. Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und bedenke, daß du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht ihr überlassen sollst. Behüt dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz oder die Rosina? Einen Gruß etwa?

Nein, Hochwürden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und
mir. Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach.
Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht' ihnen beim Vater keinen
Verdruß machen, indem ich sie grüßen ließ'. Aber wenn Ihr etwa meiner
Schwester begegnet—nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.

Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der Hand des Priesters, küßte sie ehrerbietig und schwang sich an dem langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter dichtem Rebenlaub verschwand.

Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt noch eine geraume Zeit. Aber die lange, tägliche Übung einer ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel des Mitgefühls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem übergroßen Kummer Zuflucht zu finden,

Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte. Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa geträumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick hinunter freiließ. Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte, blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, daß jedes Auge ihr unwillkürlich folgen mußte. Sie hatte die Hände ruhig ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem die leinene Soldatenjacke, die enganschließenden blauen Hosen und die schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen. Sein dunkles Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch verständlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstümmelten und verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen. Mehrmals warf er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos, hinunterwinkte.