Die Stimme versagte ihm. Auch ich hatte mich erhoben, obwohl ich mich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Ich begleite Sie noch hinaus, sagte ich, Herr Ebi wird mich einen Augenblick entschuldigen.
So ging ich ihm voran nach der Tür. Ah, Madame, j'ai la la mort au coeur. Vous quitter, sans vous dire.—Oh si vous saviez—!
Je sais tout, mon ami, flüsterte ich, et croyez—moi, si vous souffrez—moi aussi, j'ai le coeur si plein—je suis au désespoir!
Damit öffnete ich die Tür und dachte, draußen—wenn auch nur auf kurze Minuten—würd' ich mich ihm an die Brust werfen und ihm sagen, was ich um ihn gelitten. Als ich aber hinaustrat, sah ich eine andere Feindin meines letzten schmerzlichen Glücks bei einer Lampe am Pfeilertischchen sitzen, eine Näharbeit in den Händen—Mamsell Zipora!
Ich habe nachher erfahren, meine Kammerjungfer hatte der tückischen Person, ohne sich was dabei zu denken, erzählt, ich erwartete heute abend den Vicomte, der Abschied zu nehmen komme. Das hatte die sich zunutze gemacht, um es dem Ebi, den sie immer noch zu fangen hoffte, schadenfroh beizubringen, die Frau, die er heimlich vergötterte, sei auch nicht besser als alle anderen, um sich und ihre Tugend dadurch in ein vorteilhaftes Licht zu setzen. Und der unselige Mensch hatte sich von einer Eifersucht, die er sich selbst vielleicht nicht eingestand, verleiten lassen, den Wächter zu machen und den Rivalen aus dem Felde zu schlagen.
Sie war von der Erinnerung an diese schmerzlichste Stunde ihres Lebens so erschüttert, daß sie lange nicht fortfahren konnte, sondern immer sich mit dem Kölnischen Wasser die Stirn benetzte und mit geschlossenen Augen dalag.
Endlich sagte sie: Wie ich den Weg in mein Zimmer zurückfand und bis zu dem Sofa gehen konnte, ist mir ein Rätsel. Ich fühlte mich wie vernichtet, was jetzt noch werden konnte, war mir unfaßbar, ich sank auf das Polster nieder, drückte mein Tuch gegen die Augen, und brach in krankhaftes Schluchzen aus.
Daß Ebi im Zimmer war, hatte ich völlig vergessen.
Da hörte ich plötzlich seine Stimme, in dem feierlich singenden Tone, wie bei den Psalmenversen seines Trauerspieles: Madame Herz, ich habe Sie immer verehrt, heute bewundere ich Sie. Der Sieg, den Sie über sich selbst davongetragen, ist größer als der von Jephthas Tochter. Sagen Sie nicht, daß ich Ihnen dabei geholfen hab'. Wenn Sie nur gesagt hätten ein einzig Wort: Ebi, verlassen Sie mich,—so wahr Gott lebt—ich wäre gegangen, so sehr es mich hätt' geschmerzt, aber Sie wissen, ich bin ihrem Wort gehorsam, wie ein Hündlein seinem Herrn. Daß Sie nicht gesagt haben das eine Wort, das macht Ihnen mehr Ehre als einem König, der große Länder erobert, oder einem gewappneten Mann, der allein ein ganzes Heer besiegt. Denn wie es im Prediger Salomonis heißt: Lieblich und schön sein ist nichts, aber ein Weib, das den Herrn fürchtet, das soll man loben, und in Jesus Sirach: Ein schönes Weib, das fromm bleibt, ist wie die helle Lampe auf dem heiligen Leuchter. Erlauben Sie, Madame Herz, daß ich den Saum küsse an Ihrem Gewande.
Ich fühlte dunkel, wie er es tat, und hörte, wie er dann das Zimmer verließ. Da brach es erst recht bei mir aus, und ich weinte und weinte—bis eine Ohnmacht sich meines armen gefolterten Herzens erbarmte.