Ich war so benommen von alldem, daß ich nicht imstande war, meinen usage du monde zu zeigen, auf den ich mir sonst was zugute tat. Als ich das merkte, wurde ich erst recht ungeschickt, stammelte mein sonst so geläufiges Französisch wie ein Schulkind heraus und dachte: Wenn er nur wieder ginge! Was soll er von dir denken? Im stillen lacht er über dich!
Es schien aber nicht, als ob ihm etwas Lächerliches an mir auffiel. Vielmehr unterhielt er mich auf die geistreichste Art und bat endlich, da ein Platz neben mir frei wurde, um die Erlaubnis, sich zu mir setzen zu dürfen. Fénélon hatte sich verabschiedet und ihm noch etwas zugeraunt. Ich glaubte, gehört zu haben: Elle a quarante ans! und er darauf, so daß ich's hören mußte: Mais elle est ravissante, mille fois plus belle ques ses filles!—was meine Verlegenheit natürlich noch steigerte, so sanft mir's einging.
Die Musik setzte wieder ein. Sie werden Pflichten gegen die jungen Damen haben, sagte ich, denen Sie eine alte Mama nicht abtrünnig machen darf.—Er habe sich für diesmal mit dieser corvée schon abgefunden; mit seinen dreißig Jahren könne man nicht verlangen, daß er einen ganzen Abend herumwirble—, wenn ich erlaubte, möchte er um die Ehre bitten, mich zu Tische zu führen.
Wie gern ich's erlaubte, kannst du denken.
Es war lange her, daß sich jemand ernstlich um mich bemüht hatte, meine Jugend lag weit hinter mir, nun war's, als stünde sie aus ihrem Grabe wieder auf, ich vergaß, daß ich erwachsene Töchter hatte und keine Ansprüche mehr auf eine Eroberung—und eine solche!—Es war wie ein Märchen!
Aber ich kannte ihn ja noch gar nicht. Er ist zehn Jahre jünger als du, dacht' ich. Eine Laune wird es von ihm sein, einmal einer femme de quarante ans so beflissen den Hof zu machen, als sei es ihm Ernst damit, vielleicht bloß um eine andere, mit der er gerade boudiert, zu kränken. Morgen denkt er nicht mehr daran.
Gleichviel! Das Heute war reizend, und ich genoß es, ohne mir Sorgen darüber zu machen, daß es nur ein Traum sein könne. Ich merkte, daß ich zum erstenmal in meinem Leben erfuhr, was es heißt, sich verlieben, und zwar, was ich immer für eine Fabel gehalten hatte, so auf den ersten Blick, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Ich erfuhr auch, daß Liebe blind macht. Wenigstens dachte ich während des ganzen Soupers und auch, als er nachher mir immer zur Seite blieb, keinen Augenblick daran, was man von unserem langem Tete-a-tete mitten in der großen Gesellschaft sagen würde, und erst als die Töchter beim Nachhausefahren mich mit diesem Verehrer neckten, kam ich ein wenig zur Besinnung.
Herz war nicht auf dem Ball gewesen. Bälle langweilten ihn, wir
wechselten also ab, da auch ich wenig Vergnügen an der Rolle der
Ballmutter fand, und so chaperonierte der Papa die Kinder bei anderen
Gelegenheiten, wo ich dann zu Hause blieb.
Die Nacht schlief ich nur wenig. Ich war aber so voller Freude über das Erlebte, daß mich gar nicht danach verlangte, von mir selbst nichts mehr zu wissen. So muß einem ganz jungen Mädchen zumute sein nach seinem ersten Ball, wo sein Herzchen zum erstenmal gesprochen hat.
Er hatte um die Erlaubnis gebeten, sich meinem Manne vorzustellen. Daß er gleich am folgenden Tage davon Gebrauch machen würde, wagte ich kaum zu hoffen. Aber wirklich kam er gleich am nächsten Abend, wo wir en petit comité waren, und betrug sich so taktvoll Herz gegenüber, daß der die beste Meinung von ihm faßte und mir zu diesem Anbeter gratulierte. Die Adelheid hatte mich verpetzt, was er aber in seiner gewohnten Manier mit Lachen aufnahm.