Dem Schönheitsgefühl ist das Gefühl für Wahrheit verwandt. Je genauer eine malerische, architektonische, musikalische, rednerische etc. Komposition die Haupt- und Nebenmomente trifft, um so lebenswahrer ist sie, und desto lebhafter empfinden wir das Gefühl der Wahrheit. Dasselbe kann aber auch rein geistiger Natur sein. Je eingehender wir einen Gegenstand geistig durchdringen, je genauer wir Licht und Schattenseiten erkennen, um so näher kommen wir der Wahrheit, um so mächtiger wird das Lustgefühl für die Wahrheit in uns lebendig. Je größer also die Denkkraft, um so intensiver das Gefühl für Wahrheit. Je tiefer das Wahrheitsgefühl ist, um so mehr wahre Handlungen entspringen demselben.

Aehnliches gilt auch für die sogenannten moralischen Gefühle.

Betrachtet man das Aeußere des Tieres, der Pflanze oder schließlich des Menschen, so kann im Menschen das Gefühl der Schönheit entstehen, ergründet man die Lebensbedingungen der Wesen, so kann in uns das Gefühl der Wahrheit hervorgerufen werden, bringt man die Lebensbedingungen der Wesen mit der Außenwelt der organischen und unorganischen Natur in ordnende Verbindung, gibt man denselben entsprechend ihrer erkannten Natur und Zweckmäßigkeit den richtigen Platz, die gebührende Rücksicht und Pflege, so entsteht in uns das moralische Gefühl; wir fühlen, daß wir unsere Pflicht tun möchten. Jede Tätigkeit unseres Organismus, jede beabsichtigte oder unbeabsichtigte Handlung des Menschen steht aber entweder in Harmonie oder Disharmonie mit den natürlichen Lebensbedingungen unserer selbst, sowie aller anderen Organismen, ist also schon aus sich entweder moralisch oder unmoralisch. Wir haben also die Pflicht, die Erkenntnis dieser Lebensbedingungen in uns zu fördern, damit wir ihre Zweckmäßigkeit erfahren. Diese Erkenntnis wird uns aber, wie wir gesehen haben, in erster Linie durch unsere Sinne.

Die Schulung, resp. Veredelung der Sinne ist daher für die Erzeugung einer gesunden Moral Voraussetzung. Pervers gerichtete Sinne bringen auch eine perverse Moral hervor. Unser jetziges Kulturleben mit seinen Perversitäten bezeugt dies.

In abnormer und übertriebener Weise wird das Sinnesleben der modernen Menschen beansprucht, daher vorzeitig verbraucht und falsch gerichtet. Was Wunder, daß Irrenhaus und Zuchthaus so bevölkerte Sammelplätze aller derjenigen Personen geworden sind, deren Denk- und Handlungsweise so sehr vom normalen abweicht, daß sie zur Gefahr für ihre Umgebung werden! Nur auf dem Wege der Gesundung und Gesunderhaltung der Sinne wird man auch einen Gesundheitszustand der Moral erhalten.

Dasselbe, was ich vom Schönheits-, Wahrheits- und moralischen Gefühl gesagt habe, gilt von jeder Art des Gefühls, z. B. auch von dem religiösen Gefühl, d. h. demjenigen Gefühl, welches uns in ein bestimmtes persönliches Verhältnis zur Gottheit bringt.

Wie das Gefühl auch immer heißen mag, in jedem Fall wird dasselbe durch die Kraft des Geistes vertieft.

Nicht minder abhängig, als die Denk- und Fühlkraft der Seele von den Sinnen ist, ist auch das Triebleben oder die Willenskraft von denselben.

Die geschulten Sinne melden früher und intensiver die Verunreinigung von Wasser, Luft, Speisen etc. an als stumpfe Sinne, erzeugen demnach ein viel lebhafteres Empfinden der energischen Abwehr. Ebenso steigert eine vertiefte Erkenntnis die Energie des Willens.

Die Kraft der Sinnesorgane kann aber durch Leibesübungen erheblich gesteigert werden, wofern man nur jegliche einseitige Uebung eines Sinnes vermeidet, wofern man den richtigen Wechsel von Ruhe und Arbeit der Sinnesorgane berücksichtigt und schließlich jegliche Uebermüdung der Organe ausschaltet.