Die alten Griechen haben ihren Körper und Geist nicht zufällig, sondern ganz bewußt nackt geschult; nicht anders liegen die Verhältnisse bei unseren germanischen Vorfahren.

Den Beweis zu erbringen, daß das Nacktturnen die beste Körperpflege ist, und das System des Nacktturnens so zu erläutern, daß es jeder Mensch, ob Männlein ob Weiblein, ob Kind oder Erwachsener, richtig und bequem zu gebrauchen weiß, ist der Zweck aller folgenden Auseinandersetzungen.

Wenn mein Schriftlein dies erreicht und die Menschen zur persönlichen Kultur anregt, so wird der Wunsch, den Se. Majestät der deutsche Kaiser auf der Schulkonferenz 1890 aussprach: „Wir wollen eine kräftige Generation”, erfüllt und das deutsche Volk durch vernünftige Selbstzucht von einem Kultursieg zum anderen schreiten.


I. Teil.
Wert der Leibesübung für die einzelnen Körper-Organe und für den gesamten Organismus.

Wer den Körper bewegen will, um denselben zu pflegen, muß den Wert dieser Uebungsbewegungen kennen; nur dann wird er die Leibesübung individuell verstehen und gebrauchen.

1. Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln.

Wir wissen, daß ein Muskel, den wir durch einen Verband bewegungslos machen, an Muskelfleisch verliert; wir wissen ferner, daß, wenn wir eine Muskelgruppe besonders stark gebrauchen, dieselbe an Muskelsubstanz zunimmt z. B. die Wadenmuskulatur des Bergsteigers, die Oberarme der Schmiede, die Vorderarmmuskulatur der Klavierspieler.

Dieser Dickenzunahme entspricht die höchste Einzelleistung der Muskeln, die durch Uebung erreicht wird. Gleichzeitig wird aber durch Uebung eine gewisse Unermüdlichkeit der Muskeln erzielt. Fixiert man z. B. den Oberarm und läßt nun den Vorderarm Gewichte heben und notiert die Hubhöhen auf einem rotierenden Zylinder, so findet man, daß die Höchstleistung nur kurze Zeit geleistet werden kann; damit nun die Hubhöhe gleich groß bleibt, muß die Belastung stetig vermindert werden, bis schließlich die kleinste Belastung erreicht wird, bei welcher die Muskeln stundenlang in demselben Tempo fortarbeiten können. Dieser Unermüdbarkeitswert wächst durch Uebung ebenso stark wie der Wert der höchsten Einzelleistung. Und zwar steigt die Tagesleistung (in Kilogrammeter[1]) ausgedrückt auf das 212fache. Muskelreize bringen den Muskel in Tätigkeit; sie wirken wie der Funke, der die im Schießpulver enthaltenen Spannkräfte zur Explosion frei macht. Oder wie der Lichtreiz, der unter Explosion, Chlor und Wasserstoff zu Chlorknallgas vereinigt. Der normale physiologische Reiz, der im täglichen Leben unsere Bewegungen veranlaßt, ist der Willensreiz. Auch dieser wird durch Uebung größer, deshalb muß auch die Aeußerung des geübten Willens eine mächtigere und ausdauerndere sein. In gleicher Weise erzeugen mechanische, chemische, thermische, elektrische und physiologische Reize aus den chemischen Spannkräften des Muskels Wärme und Arbeit, d. h. er verwandelt chemische in physikalische Kräfte. Dabei verändert der Muskel seine Gestalt, er wird kürzer und dicker und zwar desto mehr, je stärker der wirkende Reiz ist. Entsprechend dem lebhafteren Stoffwechsel sind die Blutgefäße etwas erweitert. Man darf sich das Festerwerden des Muskels nicht etwa so vorstellen, als ob er durch Zusammenziehung den Inhalt seiner Blutgefäße wie einen Schwamm auspreßt. Denn der Muskel besteht ja zu 34 aus Wasser, einer Flüssigkeit, die fast gar nicht zusammengedrückt werden kann. Die Gestaltsveränderung der Muskeln ist aber nicht nur eine augenblickliche, sondern zeigt sich bei dauernder Uebung in der Muskelmodellierung, d. h. in der dauernden Dickenzunahme des Muskelfleisches und in dem Sichtbarwerden der einzelnen Muskelabschnitte, ihrer Ursprungs- und Ansatzpunkte.