Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller Seiffert, hatte auch zehn Kinder.
Die befreundeten Familien standen natürlich gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte Taler als Patengeschenk ins Haus; im Sommer trug mein Onkel in Begleitung des Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer. So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«, und des Bedankens und Verwunderns ob der reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende werden.
Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und Diphtherie und wurden alle ebenso prompt wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für die beiden Ältesten und Größten gekauft, während sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß, je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr ruinierten.
Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine, Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich hieß er nicht Gedeon sondern August, aber er hatte sich den biblischen Heldennamen aus eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm nannten ihn Gedeon.
Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher dreißig Kinder; der Älteste des Krämers war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft nicht in Betracht kam, und der Älteste vom Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen, hörig gemacht worden.
Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern auch jedem seiner Untertanen einen biblischen Namen beilegte.
Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder Josephs und der kleinen Propheten eine große Rolle. Schwieriger war die Benennung der Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith, Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden; als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen saß und in sanfter Unschuld an einer Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber, verlegen hinter den Ohren und wußte keinen alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie heißen: die makkabäische Mutter.«
Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und erbärmlich zu schreien anfing.