Liebes Fräulein Raschdorf!

Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren, da er jetzt nicht allein sein kann und darf.

Charlotte Schräger.

Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht.

»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So – so wie die wird selten eine sein.«

Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer Weile sagte sie:

»Sie muß zurück – sie muß zurück zu ihm!«

»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal ihr Vater!«

Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich aus der Hand nimmt.

Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt.