Ich lege Eurer Majestät mit warmer Empfindung der hohen Bewunderung mein Buch ehrerbietig zu Füssen, weil einige Meere und einige tausend Meilen mir das Vergnügen rauben, mich ihrem Throne persönlich zu nähern u. s. w.
Vorrede des Dichters.
Die Musik ist die Mutter der Poesie; alle Eigenschaften erbt also diese liebenswürdige Tochter. Warum sollte sie die sinnreichste Gabe die Phantasie entbehren? Sollte die Dichtkunst nicht eben die harmonischen Freyheiten geniessen, da sich der spielende Tonkünstler frey seiner willkührlichen Laune überläßt, und in ein bewunderungwürdiges Chaos aller Tonarten sich verwickelt? Von einem taumelnden Wirbeltanze hüpft er zu einer melancholischen Arie; ehe er sie noch zu Stande bringt, schleicht er tändelnd zum neckischen Rundliedchen, artet rasch in ein heulendes Ungewitter aus, und donnert blutige Schlachten. Diese zerstreute Begeisterung ist oft den horchenden Ohren ein seltnes unerwartetes Vergnügen, und man hört manchen Künstler lieber phantasiren, als ein regelmäßiges Concert spielen; die Ursach ist, weil der kühne, und mannichfaltige Wechsel der Gedanken, und die verwägnen Uebergänge die Zuhörer reizen, hinreissen, erschüttern.
Lasset uns versuchen, welchen Eindruck eine poetische Phantasie auf das menschliche Herz machen wird. Vielleicht bringt die scheinbare Unordnung, die doch heimlich Ordnung und Verbindung hat, das neue Gewühl gedrängter Ideen, eben die gute Wirkung in dem Gemüthe der Leser hervor.
Es ist wahr, der Gleis ist unbetreten; ich kann meinen dreisten Versuch weder mit alten noch neuen Schriftstellern vor dem strengen Richterstuhle der gelehrten Welt rechtfertigen; aber mit ihrer gütigen Erlaubniß meine hochschätzbarsten Herren Kunstrichter und Richterinnen, müssen wir denn ewig so knechtisch unser Gehirn in Fässeln legen, daß wir nicht einmal einen Schrit ohne Leitbande wie die Kinder wagen dürfen, und bey jeder launichten Streiferey vor dem Hohngelächter zittern müssen?
Was da immer im Areopagus über mich verhängt ist, fühle ich doch, daß mein Kopf in einer so freyen Stimmung ist, in welcher er zu einer Phantasie gleichsam durch ein Instinkt gezogen wird; und weil oft vom Erfolge das Lob oder der Tadel einer Unternehmung abhanget, und Kolumbus vor der Reise verspottet, nach der Rückkehr gepriesen wird; so lassen wir der Zeit über, ob Dank oder Verachtung meine Arbeit belohnet. Meine Rechtfertigung bey der Nachwelt sey, daß die holden Musen sich allezeit schwesterlich die Hände reichen.
Anhang des Kommentars.
Da doch jeder Bajazzo mit einem komischen Kniks hervortrit, und Miene macht, dem hochgeneigten Publikum etwas sagen zu wollen, ohne Ihm etwas zu sagen; so soll auch mein kleiner Apendix in Ehrfurcht seinen Bückling machen. Ich habe viele gelehrte Vorgänger, und Wegweiser, die mehr Bogen Anmerkungen schreiben, als ihr Buch Blätter und Seiten hat. Ich will mein kleines Aemtchen sehr sittsam verwalten, und nur zu Zeiten dem Leser in die Ohren lispeln, damit er nicht vergißt, daß ich auch zugegen bin. Ich könnte zwar meine Wenigkeit schimmern lassen, aber oft vermuthe ich höchst wahrscheinlich, daß meine Leser mehr Einsicht haben, als ich, oder ich verstehe selbsten den Grundtext nicht klar genug, und dann schweige ich aus Bescheidenheit. Nemo ultra posse tenetur! Ein wahrer Kommentar erklärt nur das, was jedermann weiß.