Lusian. Ein Theilchen liegt auf der Zunge.

Reisebeschreibung.

Ich durchwanderte viele Königreiche, und fand oft wunderbare Geschöpfe. Ein Ungefähr führte mich in eine seltsame Insel, die von Mücken und Grillen wimmelte. Der Handel lag hier meistens danieder, man handelte nur mit Fliegenwedeln, weil die Bewohner so sehr von den Mücken geplagt wurden. Ueberall fand man wunderliche Grillen. Die Universitäten, die Schaubühnen, die Schulen, die Tanzsäle, die Rathhäuser hatten ihre besondere Gattung von Grillen. Der König nährte seine Grillen, und die Unterthanen folgten seinem erhabenen Beyspiele. Der oberste Staatsgrillenküzler versah seine Majestät täglich mit neuen politischen Grillen. Eines Tags träumte der König von einer Originalgrille, die noch in keiner Grillensammlung zu finden war, und die wenigstens tausend Tonnen Goldes und eine halbe Million Menschen kostete. Was schiert das den Monarchen, seine Lieblingsgrille ward ausgeführt. Es war der Grillenfängerey kein Ende. Die Unterthanen murrten heimlich über manche durchlauchtige Grille, und beschwerten sich, daß nicht nur innländische, sondern auch fremde Modegrillen ihnen zur Last fielen. Allein der König liebte nichts, als Grillen. Mit einer neuen Grille konnte man bey Hofe sein Glück machen. Die Grillenprojektanten theilten unter sich die schönsten Würden, und erschöpften die königlichen Kassen. Da man wohl einsah, daß man nur mit Grillen sein Glück beförderte; so blühte lang der Hang zur Grillenfängerey. Die weiblichen Grillen waren die Veränderlichsten und Artigsten. Die Gelehrten wetteiferten mit den Schönen, und heckten so ungeheure Grillen aus, daß sie nur den häßlichen theologischen Grillen an komischer Gestalt wichen. Ich verließ mit Unwillen diese grillensieche Insel. Ich eilte fort, und kam in die Stadt der Klopffechter. Hier war das berühmte und ritterliche Faustrecht noch in der ersten Mode. Alles geschah mit despotischer Gewaltthätigkeit. Der König des Landes bewies seine gerechten Ansprüche auf die Güter seiner Unterthanen und Nachbarn sonnenklar, indem er seine Patente durch viermalhunderttausend wohlbewafnete Blutzeugen unterstützte. Mit der Pistole in der Faust lehrte man auf dem Katheder die Rechte des Landesfürsten. Weh dem, der nur einen unterthänigen Zweifel nährte. Die Gottesgelehrten predigten mit dem blossen Schwerte, und bewiesen die dunkelsten Sätze so gründlich, daß sie täglich Proseliten machten. Auf allen Thüren der Rathssäle stand die Inschrift: Stat pro ratione Voluntas! —— Ich zog hastig weiter. Hin und wieder sah ich allerhand Seltenheiten. Die Menschen sind sehr erfindsam. Eine besondere Lustbarkeit ist an grossen Höfen —

Der Maskenball.

Der Maskenball ward am hellen Tage bey Hofe gegeben. Die Masken waren sinnreich gewählt. Die Furchtsamen bedeckten sich trotzig mit Löwenhäuten. Die Gleißner trugen den ehrwürdigen Priesterrock. Die schlauen Hoffüchse versteckten sich unter Lammfellen. Die berufensten Metzen borgten das weisse Brautkleid, und spielten ihre künstlichen Rollen im jungfräulichen Grazienschmucke. Die Dummköpfe hüllten sich in Staatsperücken, und Magistratmäntel. Die Müßiggänger machten sich mit Ordenszeichen wichtig. Das Alter bedeckte seinen grauen Bart mit einer jugendlichen Larve. Die Zwergen vergrösserten sich mit Kothurnen zu Riesen. Alle äfften ihre Scheincharaktere so natürlich, daß nur Kenner sie entlarvten.

Marionetenspiel.

In den Städten und an den Höfen unterhält man sich mit einem sinnreichen Puppenspiele. Man sucht Figuren von verschiedenen Ständen, Fürsten, Grafen, Baronen, Bürger, Beamte, Künstler, Gelehrte. Sie sind so natürlich gemacht, daß man schwören sollte, sie wären ächte Menschen; aber sie haben keine Seele. Sie sitzen, gehen, stehen, schlafen, essen, trinken, lachen, sprechen, ohne daß man die verborgenen Schnüre sieht, welche diese Maschinen in Bewegung setzen. Die Triebfedern sind verschieden. Oft eine schwache weibliche Hand belebt ungeheure Kolossen.

Taschenspiel.

Das Taschenspiel wird am Hofe bis zur Vollkommenheit gebracht. Die Behändigkeit der Zunge, und der Finger zeugt jene Zauberey. Alles verwandelt sich, entflieht auf einen Wink; kömmt wieder durch einen Hauch. Man giebt, ohne zu geben. Man nimmt, ohne daß man den Räuber entdeckt. Alles ist verabredet. Den staunenden Zuschauern wird nicht Zeit gelassen zu überdenken, durch welche Griffe alles geschieht, und wenn sie die Ursache untersuchen wollen, ist alles schon geschehen.

Schattenspiel.