Einen Besuch? Seit dem Tode, nein schon seit der Erkrankung seiner Frau hatte er nicht daran gedacht, ein fremdes Haus zu betreten, fing er auf einmal an, der Aussenwelt Interesse abzugewinnen? Der Alten erschien dies wie eine Beeinträchtigung ihrer todten Tochter.
»Wohin willst Du mit Ivo gehen?« fragte sie und wischte dem Kinde über das ohnehin blanke Gesichtchen; sie hatte kein Recht zu der Frage, aber ihre Wissbegier trug manchmal den Sieg über ihre Klugheit davon.
»Selbstverständlich zu dem jungen Mädchen, das meinem Kinde Beistand geleistet. Es war nicht recht, Grossmama, dass Du mir den Vorfall verheimlicht. Die junge Dame müsste uns für Leute ohne Lebensart und Erziehung halten, wenn wir ihr nicht einmal unseren Dank dafür aussprächen, dass sie den schweren Jungen bis zum Hause trug.«
Nun lag ihm schon an der Meinung einer wildfremden Näherin. Grossmama war wüthend.
»Ich hatte es vergessen,« sagte sie, mühselig eine gleichgültige Miene behauptend, »gedankt habe ich ihr für die kleine Mühe übrigens schon gestern. Sie wird wohl wissen, weshalb sie sich sie nahm. Wäre mein armes Kind noch am Leben, dann hätte die drüben gewiss keine Hand nach Ivo ausgestreckt.«
»Ja,« schnarrte Grosspapa von seinem Sitz am Fenster dazwischen, »sich selbst sein Brod verdienen, das ist ein unangenehmes Geschäft für eine junge Dame, viel besser, man setzt sich in ein wohleingerichtetes Haus hinein, selbst wenn man so ein lästiges Anhängsel,« er wies auf Ivo, »mit in Kauf nehmen muss.«
»Da stösst man dann in alle Ecken«, wehklagte seine Gemahlin, »ich habe es nicht einmal, nein Dutzendmal mit angesehen. Wenn ein Kind den Vater verliert, so ist es traurig, aber mit der Mutter büsst es alles, alles ein.« Beschwörend streckte sie die Hände nach ihrem wie auf Kohlen stehenden Schwiegersohn aus.
»Franz, wenn Du dem Knaben eine Stiefmutter giebst, sieh' nicht auf Jugend und Schönheit, sieh' nur, ob sie ein Herz zu dem Kind fassen kann!«
»Ich weiss nicht, was Dir einfällt, Grossmama,« sagte der junge Mann unwirsch, »ich denke nicht daran, mich wieder zu verheirathen. Mein Sohn ist bei Euch gut aufgehoben, und ich kann doch nie wieder so glücklich werden, wie ich es mit Marie gewesen.«
Das war eine Beruhigung für die Alten, aber Franz ging ärgerlich, aus seiner gewöhnlichen Gelassenheit aufgerüttelt, davon. Die Beschwörungen und Prophezeihungen wickelten ihn in einen grauen dicken Nebel ein, durch welchen er die Welt in ziemlich trübseligem Licht erblickte. Zuletzt that es ihm leid, dass er so bestimmt seine Absicht angekündigt, der Nachbarin in Person zu danken. Was sollte ihm der Verkehr mit einer Fremden? Er war durch sein Unglück an Einsamkeit gewöhnt, fühlte sich am wohlsten allein oder in der Gesellschaft seines Kindes. Die Alten hatten nicht Unrecht, er that am besten, wenn er sein leckes Lebensschifflein abseits von den anderen Seefahrern lenkte, die unter vollem Segel hinglitten und vom Leben noch Glück und erfüllte Verheissungen erwarteten. Vielleicht hatten sie auch recht mit ihren Warnungen; sie kennen die Nachbarin seit längerer Zeit, haben sie beobachtet, während er sie noch kaum bemerkte.