Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: dem obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an diesem Feiertage bloß träumen kann. Diese fetten, süßen Gerichte, wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Knödel (Klößchen) kamen, steigerten den Durst auf das höchste. Es wurde reichlich darauf guter, alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen, auf dem Heuboden, während wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern, die bei unserem Hause lagen, in völliger Freiheit tummelten und mit den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken. Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das Sphirezählen.[K]
Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend, der Sedertisch hergerichtet werden mußte. Dieser zweite Abend hatte für uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir heute ungesäuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus Ägypten ausführlicher als es die Hagade tut, mit den älteren und jüngeren Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns Äpfel und Nüsse zum Spielen. Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach. Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise — besonders der Salat — trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Bloß der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.
An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewöhnlich mit Ungeduld nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die Sederfeier beendet sein muß. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schluß der zweiten Hälfte des Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schluß anhörte.
Die folgenden vier Tage heißen Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an denen das Leben fast wie an einem gewöhnlichen Tage hinfließt und fast alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an gewöhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gäste zum Tee, zum Mittag- und Abendessen.
Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefäße. Mehr als einmal gab es Ärger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow (Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine stattliche Anzahl von Hühnern und »Indians« (Puten) lagen koscher gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewässert und gesalzen, da erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein großes Messer und untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das Geflügel gemästet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so daß das Geflügel für Passah unbrauchbar wäre. Und richtig! Sie fand ein Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine Leidensgefährten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ärgerlich, sah die Köchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und rief: »Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des Geflügels? Du hättest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für die Gnade, daß ich das Haferkörnchen gefunden habe, sonst hättest du uns alle mit Chomez gefüttert!«
Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde beseitigt und anderes mußte geschlachtet, geputzt und koscher gemacht werden! Man denke sich den Ärger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren Ärger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an ebensoviel Hühnern und Indianvögeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut dagegen protestierten!
Es geschah auch einmal in diesen Tagen, daß der Diener der Köchin eine gewöhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet in Zorn und Ärger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu hören. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit Lärm und gerechter Wut; und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aßen bloß von den Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, während die übrigen Hausgenossen die gewöhnlichen Mazzes verzehrten.
Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttägige Quälerei mit dem Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so geduldig und pietätvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dämmerstunde des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spaß und schrien: »Kommt zum chomezigen Borchu!« (Das erste Wort des Abendgebetes.)
Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Eßtisch stehend, Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein und dankte Gott dafür, daß er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von einander geschieden hat. Am Schluß des Gebetes leerte er den Becher, goß den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene, brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten ließ und löschte dann im Rest des Weines das Licht aus.