Der Spruch mußte rasch, in einem Atem und ohne daß man sich von der Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, daß der Hund still werden und uns passieren lassen würde....

Unser »bewährter« Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklärte mir auf dem Wege alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden, Krämergestelle und mußten uns durch die Menschenmassen hindurchdrängen, bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.

Das Häuschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen. Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die nur spärlich das Tageslicht einließen. Das Häuschen war von einer Prisbe (Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die ungefähr in meinem und meiner älteren Schwester Alter standen, bei verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit großen Augen an. Wir blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie öffnete die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich erfaßte sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem Lehmboden lag. Ich mußte das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen Schritt vorwärts. Meine Schwester ermahnte mich, daß ich nicht über die zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein Wasserfaß, an dessen Rand der große hölzerne Wasserschöpfer lag, der uns Kinder später immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der Klinke einen hölzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie eine Glasur war. Meine Schwester öffnete die Tür, sie trat in den Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade stehen. Beim ersten Schritt stießen wir auf eine Bank, die mit einem langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ähnliche Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed, thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.

Reb Leser war kräftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er saß, in seiner ganzen Breite und Höhe. Seine wasserblauen, großen, hervorstehenden Augen, vor denen sich fortwährend ein paar kleine graue Pees (Ohrlöckchen) bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten Selbstbewußtsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgemäß: kurze, an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische Schuhe; seine Hemdärmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine Sammetkäppchen auf dem großen Kopf vervollständigte die damalige Tracht seines Standes.

Am anderen Ende des Tisches saß, stets in gebückter Haltung, der Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Händen (das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst, hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung waren.

Wir blieben also stehen, wir mußten auf demselben Fleck stehen bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf: »Ah!« Dann faßte er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war, suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst, Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwährend ängstlich hinaufsah, das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wußte nichts Besseres anzufangen, als plötzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich schämte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir versprach, daß heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich könne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir zusprach, desto reichlicher flossen meine Tränen. Der Rebbe erriet endlich, daß es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten, und er stampfte mit seinen großen Füßen auf, daß alles erbebte und er schrie: »Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so etwas noch nicht gesehen?« Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen Richtungen und nahmen schließlich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich mitnehmen. Ich aber ließ mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hörte ich, daß unser ritterlicher Begleiter Welwel vermißt und mit Ungeduld erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte. Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphäre beschäftigt und hatte gar nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir: Welwel trug Krüge, Töpfe, Schüsselchen, Gläser, Löffel verschiedener Gattungen und Größen, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Töpfe und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, Äpfeln, gekochten Bohnen und Erbsen bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet, bewegte sich »das Schiff der Stadt« langsam seinem Ziele, dem Cheder, entgegen. Es war ihm tatsächlich nicht möglich, sich irgendwo hinzusetzen.

Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit, worauf er klagend erzählte, wo und wie lange er auf das Essen hatte warten müssen. »Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die Blechlöffel her«, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und ich bekam einen Blechlöffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch hatte, was bedeuten sollte, daß er »milchig« war, d. h. nur für Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Löffel mehrere Male in den Händen hin und her und konnte mich nicht entschließen, damit aus der Schüssel zu schöpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem weißen Porzellanteller und mit diesem blechernen Löffel soll ich essen? Wieder kamen mir die Tränen in die Augen, und der Hals war mir wie zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal den Grund meiner Tränen nicht erklären! Meine Schwester aber war praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch das ganze Leben). Sie griff tüchtig zu, führte einen Löffel nach dem andern zum Mund und ließ sichs gut schmecken. Als sie einigermaßen satt war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn ich fühlte, daß mir bei den ersten Worten die Tränen noch wilder aus den Augen stürzen mußten. Ich bezwang mich aber und schöpfte einen Löffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen Tränen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekränkt hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir während der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf den großen Holzschöpfer auf dem Wasserfaß aufmerksam, den ich benutzen sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach, dann ging es rasch nach Hause.

Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, daß ich meiner Njanja nur wenig erzählen konnte. Ich trank meinen Tee und schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nächsten Morgen mit einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, daß der Cheder-Behelfer möglichst rasch kommen möge, damit ich nur die Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen könnte. Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich, und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.