Dem winzigsten Volke gehört er ja an,
Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.
Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,
Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!
Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,
Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!
Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,
Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!
Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,
Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!
Eins aber sagt ihm immer sein Herz:
Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!
Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch in polnischer und althebräischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der jüdischen Forscher in Rußland haben die Juden in Rußland nur Russisch mit Hebräisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung stützt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von Saul Günzburg in Petersburg herausgegeben wurden.
Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische Anspielung klar, daß die Juden für die Sünden ihrer Vorfahren leiden, aber von Gott die Verheißung erhalten haben, daß er sie wieder aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen versonnen dastand, und wie sie, entrückt, allen kleinen, irdischen Dingen, das leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade des Herrn.
Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jüdische Leben, und man beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschließungen und sonstige Vergnügungen verboten waren, wettzumachen, und die Töchter oder die Söhne so rasch wie möglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte man nicht zögern, denn dem Monat der Fröhlichkeit folgte schon Rosch Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch täglich nach dem Frühmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr begangenen Sünden. Fasten, Kasteiungen und die heißen Gebete zum Schöpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke wurden geübt. In den meisten jüdischen Häusern waren damals an irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nähe der M'susaus im Eßzimmer, Sammelbüchsen aus Blech mit Deckelverschluß angebracht. Die eine dieser Büchsen hieß die »Erez Jisroel Puschke«. Die darin gesammelten Münzen waren für die talmudischen Schulen in Palästina und für alte Leute in Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem heiligen Boden zu sterben und in palästinensischer Erde begraben zu werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten vor der Verwesung zu bewahren, so daß sie sich bei der Ankunft des Messias in voller Frische aus ihren Gräbern erheben würden. Im Vertrauen auf die der palästinensischen Erde innewohnende Kraft ließen sich in Europa lebende fromme Juden Säckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre Gräber streuen zu lassen. — Pflicht der jüdischen Gemeinden war es jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Büchse, der alljährlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rüstiger Mann mit dunklem, sonnengebräuntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel von Palästina zu erzählen, und wir lauschten diesen fremdartigen Erzählungen wie einem Märchen.
Die zweite Büchse war die »Reb Meier Balhaness-(Wundertäter) Puschke«. Wenn jemand ein Unglück drohte, bei Krankheitsfällen oder sonstigen Gefahren, spendete man in diese Büchse eine Summe in Höhe von 18 Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermögen und Anlaß; jedenfalls mußte die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in hebräischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.