Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten, und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden bereuten.

Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis wir einschliefen.

Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht über die Sünden der Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch? »Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der entschwindet.....«

Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen, die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.

Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück, das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar (Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.

Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«

Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog — einen sogenannten »Mibuder« zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Sünden des Juden nicht unter Kontrolle stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.

Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus — von den Weibern umgeben — die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein unerschöpflicher Born....

Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden mußten mit weinerlicher Stimme die Gebete vorsprechen, um das umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«

Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu ... das Gebet von der Leber.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein Schaltjahr ist!« ...