Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich möglichst lange, bis auf die Schultern reichende Pejes wachsen ließen. In unserer Stadt gab es einen großen Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim schel rosch trug, freilich bedeckt von den darüber gestrichenen langen Pejes. So ähnlich trägt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes über den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger verehrt wird und dessen Gespräche nie enden, ohne daß er mahne: »Kinder, gibt Geld far orme Leut«.
Der lange Rock aus Seide, der Gürtel, die Pelzmütze und die berühmten Pejes mußten nun entfernt werden. Schwer fanden die Männer sich in ihr Schicksal. Sie hätten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen wenigstens die Schläfenlocken gelassen hätte. Sie erst gaben den Juden — in der damaligen Auffassung — die Gottähnlichkeit. Nun war das Zelem elohim dem jüdischen Volk genommen.
An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die Männer mußten einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die bis über die Stiefel fielen. Im Sommer mußten die Männer einen Hut tragen, im Winter eine Mütze. Sie war aus schwarzem Tuche plump gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den Straßenkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man wird ohne weiteres begreifen, daß sich es sehr, sehr viele Juden nicht nehmen ließen, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein gefiel — die alte Tracht. Auch wenn es dunkel war, sah man oft Juden umherlaufen wie einst.
Dagegen wurden, scheints, von den russischen Behörden keine Einwendungen erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ kleinen Städtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin nicht auffallen. Daß Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen möglich waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe für die Dauer von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen!
Ebenso tiefgreifende Änderungen wie die Tracht der Männer erfuhr die Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne daß man dem Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, daß der Tausch nicht gerade ein günstiger war. Die Tracht der jüdischen Frauen in litauisch Rußland wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr kostbar, es wurden recht große Summen auf kostbare Stoffe und künstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterröcke und Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt. Die langen Strümpfe der heutigen Mode waren damals nicht üblich. Sie reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer weiß und bei den Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strümpfe beliebt. — Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt man denn die Strümpfe durch breite Atlasbänder, die sich oft an mit Kreuzstichen bestickten Strumpfbändern befanden. Auch gestrickte und gehäkelte Strumpfbänder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen. Mechanische Verschlüsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den Damen nicht zur Verfügung. — Die Schuhe hatten eine große Ähnlichkeit mit Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Absätze. Am Fuß wurden sie durch schmale, schwarze Bändchen festgehalten, die kreuzweis verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgeführt wurden. Diese Schuhe waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die Fußbekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in den nächsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine prinzipielle Übereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend, die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, wählte man die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen etwas trippelnden Gang.
Über dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren hierfür als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum Schließen. Durch große silberne Ösen wurde ein breites, seidenes Band geführt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das Band endigte.
Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen angenäht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun überzogen war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch gesagt: er war vielmehr von einer bösartigen Unruhe und hatte die natürliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen herumzunesteln, so mühten sich die damaligen Jüdinnen ab, den Rock auf die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, daß die Geplagten sich bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund rieben. Die Ärmel waren sehr eng und so lang, daß sie oft bis an die Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefaßt und es war natürlich, daß mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus getrieben wurde. Vornehme Frauen wählten immer Zobel. Die Halspartie war abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen durfte.
Diese Obertaille hatte ungefähr die Form der heutigen Figaro- oder Bolero-Jäckchen. Sie war vorn offen, so daß das Mieder so weit zu sehen war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff für diese Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schüppchen so dicht nebeneinander befestigt, daß das Wollgewebe fast garnicht mehr zu sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an Maskenkostümen.
Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man wählte dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten.
Die obere Partie war mit weißen Spitzen bedeckt, die aus Frankreich bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und wiesen außerordentlich künstlerische Muster auf.