Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manöver wie bei uns: der Jugend wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Bräutigams. Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte. Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein älterer Schwager trat für mich ein, und sie erlaubte es schließlich. Als ich am Arme des Schwagers im Zimmer meines Bräutigams erschien, wurde er vor Freude ganz närrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie und Anhänglichkeit, und wir schlürften vom Kelche der Glückseligkeit mit vollen Zügen. —
Ach wenn sie ewig grünen bliebe,
die schöne Zeit der jungen Liebe!
Es wurde spät — nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer und flüsterte mir zu, daß es unpassend sei, so lange beim Bräutigam zu verweilen, und ich fühlte in ihrem Ton eine leise Mißbilligung meines Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer Wohnung führte, hörte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff, der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrößern.
So streng wurden wir damals erzogen. So behüteten uns unsere Mütter, nicht etwa aus Mißtrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, über ihren Töchtern zu wachen. Es war Zartheit und Fürsorge, die unserer Naivität zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher List. Die Mütter von heute, wenn sie diese Zeilen lesen, dürften sich vielleicht in jene guten alten Zeiten zurücksehnen.
Am folgenden Tage erwachte ich glücklich, freudestrahlend; und ohne jede Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trübte sich meine Freude, als ich erfuhr, daß wir noch an demselben Tage nachmittags die Rückreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem Bräutigam in die betrübten Gesichter schauten, fühlten sie Erbarmen, und die Abreise wurde bis zum nächsten Morgen verschoben.
Wir jubelten vor Freude. Die Älteren störten uns Junge nicht. Wir unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glücklichsten Stimmung zu den Unsrigen zurück. Den übrigen Teil des Tages verbrachten wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor unsere polnisch-jüdischen Lieder, mein Bräutigam seine russischen, und so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen übermannte uns die Müdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.
Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen. — Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte in Seligkeit.
Der Leser wird den Umfang der Umwälzung gemerkt haben, die sich in der kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jüdischen Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren Bräutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der Hochzeitszeremonie. Sie sträubte sich zwar dagegen, indem sie sich weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen hatte. Doch genügte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige zu zähmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute gegenüberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Händedruck zwischen ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und ausschließlich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.
Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des jüdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die urwüchsigen jüdischen Familiensitten fremde, nichtjüdische Elemente ein. Noch eine Generation, und die alte jüdische Sitte mutet wie ein längst verklungenes Märchen an.
Am folgenden Tage stand ich sehr früh auf, und in dumpfer, trüber Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor der Tür, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs kamen, um gemeinsam mit uns das Frühstück einzunehmen. Als ich meinen Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Tränen. —