In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer übertriebenen Empfindsamkeit mag diese so sehr minutiöse Vereinbarung seltsam anmuten, vielleicht gar peinlich berühren. Und doch darf man sagen, daß die genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle Mißstimmungen, Zänkereien und Feindseligkeiten zwischen den beiderseitigen Familien zu vermeiden.
[Das Brautjahr.]
Ich kehrte in mein Alltagsleben zurück. Es war mir peinlich, als Kalle (Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehörigen, von meinem Bräutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und erfüllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt hauptsächlich die Wirtschaft; denn meine ältere Schwester hatte kein Interesse dafür und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten, Psalmensingen und Lesen von heiligen Büchern, wie »Menojres Hamoer« und »Nachlas Zwi«.
Dabei lernte ich fleißig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten. Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und Lebenslust war in mir, solch ein Glücksgefühl übermannte mich; es teilte sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.
Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater freudestrahlend aus der Stadt zurück und übergab mir einen versiegelten, an mich adressierten Brief mit den Worten: »Da hast du einen Brief, gewiß von deinem Bräutigam.« Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich einen Brief; mit zitternden Händen öffnete ich ihn und las folgendes:
»Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein, einzige Seele meine!
Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewiß zu Haus, bin schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir (neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten (entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure, einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen, und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher (schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern. Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!
Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt). Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als ich wollt gefohren jene Zeit. —
Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zu erfreien mich mit Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.
Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher (schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!
Chonon Wengeroff.
P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum, wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. —
Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen, wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch a mol gesund, wie es wünscht Dir Dein
Dich liebender
Chonon.
8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.
Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos geheißen.« —
Grenzenlos war meine Verwirrung, während ich diese zärtlichen Herzensergüsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Tränen in den Augen bat ich sie, die Bitte meines Bräutigams, ihm oft zu schreiben, erfüllen zu dürfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und für die beiden Menschen bezeichnend war. So groß war ihre Freude, daß ihre Pessele einen auf ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, daß sie nachsichtiger wurden und wirklich ihre Erlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so fing unsere Korrespondenz an.
Die Briefe meines Bräutigams hab ich stets als mein Teuerstes aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfünfzig Jahren, sind sie alle in meinem Besitz. Manchmal blättere ich in den vergilbten Papieren, beschwöre die schöne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den Strahlen des einst erlebten Glückes.