Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund. Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker, nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt. Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.
Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen, und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein, wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte, Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen. Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den Beinen hin und her geschoben wurde.
Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose: Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr, neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.
Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach den noch so feierlich gesprochenen Beschwörungen nicht ruhig wurden. Die Wärterin überlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rücken. War diese Diagnose gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kind wurde gebadet, abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen Roggenbrot fest auf dem Rücken des Kindes hin und her gerieben, wobei ein Teil der Rückenhärchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb sie nur mit der Handfläche den Rücken des Kindes weiter, bis die kleinen Härchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die Kinder ruhig.
Für ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in einen großen, verschließbaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel geöffnet. So machte man es täglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch pflegte man das Kind alle Woche zu wägen. Wenn das Kind gesunden sollte, so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde entgegen, daß es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte: Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond, Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.
Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwöhnt. Gab die Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst aufhörte und müde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber doch festlicher Tag. Die grobe Abhängigkeit des Kindes wurde da gelöst. Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte und ging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in die Diele, das bedeutete: die »Pente zerschneiden«. Die Fesseln waren von den Füßchen des Kindes genommen.
Gleichzeitig mit dem Briß meines Sohnes fand noch eine große religiöse Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Cäcilie ließ seit einem Jahre eine »Sefer Thora« schreiben, wofür sie mehrere hundert Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Städtchen großen Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiöser Jude, der mit Beten und Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.
Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man holte die »Chuppe« (Baldachin), stellte sie in einem großen Saal auf. Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hände zu nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach der Synagoge — der Rabbiner voran, und ihm folgten die Würdigsten und Ältesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mädchen mit brennenden Kerzen in silbernen Leuchtern. Selbst die Mädchen in diesem Zuge durften nicht mit entblößtem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung setzte, ertönte die fröhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch erschallte durch die Straßen. Unter seinen Klängen hüpfte der ganze Zug im Tanz. Lebhaft tanzten die Männer, leidenschaftlich in die Hände klatschend. Hinterher hüpften die Frauen und Mädchen. Alle zusammen jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schöne Tat der frommen Frau.
So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend dauerte, verrichtete die große Menge gleich dort das Minchagebet.