So verließen wir nach vierjährigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir das patriarchalische jüdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir verließen es für immer.

Weitere Schicksale.

Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop; zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle. Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität, die die Aufklärung mit sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und ein Aufgehen in fremder Art.

Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige Aristokratie betrachteten.

In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat, Fähigkeiten besaß.

Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein wissenschaftlichen Charakter angenommen.

Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser Verschwendung.

»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war: »Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war, Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann sie schon hier sein.«

Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.