Am Freitag abend wurden nach dem jüdischen Gebrauch für jeden Herrn zwei ganze Brote (»Challes«) zur »Mauze« seinem Gedeck beigelegt; und die Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es viel zu tun!

Marie blieb einige Wochen bei uns und verließ uns sehr entzückt über die gastfreundliche Aufnahme. Die Solidarität zwischen den Angehörigen einer Familie gehörte zu den größten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des jüdischen Familienlebens zerstörte, bestehen blieben, wenn auch nicht in dem hohen Maße wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in den religiösen Gesetzen, in denen es heißt: »Du sollst dich deinem Blute nicht entfremden.«

Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben konnte, vierzehn Monate unser Gast — lange, lange Monate, in welchen die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.

Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die Großmutter meines Mannes, von deren ärztlichen Kenntnissen und Fähigkeiten ich ausführlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach Luben herüberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, daß die opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der böse Zufall wollte es, daß nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Rußland, sondern regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt im Schlitten mußte die alte Frau den beschwerlichen Weg in der »Postkibitka« machen, einer höchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach zweitägigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermüdet und erschöpft. Zum Glück war sie in einen Riesenpelz gehüllt, der sie vor Erkältung bewahrte.

Der neue Familiensprößling ließ nicht lange auf sich warten. Es war ein Sohn. Nach dem Briß reiste die Großschwiegermutter fort. Kathy erholte sich allmählich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurück. Nach wie vor verging keine Mahlzeit ohne Gäste. Der Keller und der Geflügelhof waren stets voll und boten den Gästen die schmackhaftesten Leckerbissen. Das Geflügel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzuführen: es kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf., ein großes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.

Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche für das russische Reich, die Epoche des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben kamen, brachten unaufhörlich die schrecklichsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu überwinden, wie den Transport des Militärs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen Steppen der Krim fand man im Frühjahr so manche Militärabteilung, die im Winter zu Fuß nach dem Kriegsschauplatze befördert worden war, vom Schneesturm verschüttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rüsteten ganze Regimenter auf eigene Kosten aus, die »Ratniki« genannt wurden. Aber es waren nur undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.

Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so war es nur ein momentaner Triumph, der die vollständige Niederlage nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere, sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehörte dem neuen, besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europäischen Kultur in den Kampf begleiteten.

Die Stimmung im russischen Volke wurde immer düsterer. Nur denen, die schon längst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch äußere Erschütterungen, glaubten sie, könnte das gewaltige Reich von seinen Schäden geheilt werden.


Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Söhnchen erhielt den Namen Simon. Ich erholte mich sehr rasch.