Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische, verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu unterst, alles Untere zu oberst kehrte.

Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt in Rußland auf allen Gebieten betätigen. —

— Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei großen »Otkupscheriki« — der Großvater und der Vater meines Mannes und Herr Kranzfeld — die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols — eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte. In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde Chef des Bureaus.

Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. — Wir liquidierten unser Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach Kowno.

Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung Alexanders II.


[Alexander II.]

Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron. Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):

»Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen seines Volkes.

Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«

Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite und auch uns Juden die drückendsten Fesseln löste. Er öffnete uns die Tore seiner Residenzen, so daß ein Schwarm jüdischer Jünglinge sich in die Hauptstädte ergoß, um an den Universitäten den Durst nach westeuropäischer Bildung zu stillen.