Das jüdische Proletariat in seinem Getto, zermürbt vom Kampfe ums Dasein, drängte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen Talmudisten und die »Orimbocherim« für diese Bewegung begeistert, hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dämmerstunde statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhörern überfüllt wie am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Sünden aus tiefster Seele zu Gott.

An der Spitze dieser Bewegung stand der berühmte Reb Israel Salanter (Liebkin), dessen Seelengröße an Hillel heranreichte. Er war hart gegen sich und voll unsäglicher Liebe gegen andere. Er kämpfte für die Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstörung des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die große Choleraepidemie durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Buße zu tun, denn die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeißel. Da Rabbi Salanter aber fürchtete, daß das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden leiden könnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge mit einem Stück Kuchen in der Hand auf den Almemor und aß vor allem Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb Sundel.

Von den Tugenden des Reb Broide weiß ich folgende Geschichten: Die ungepflasterte Straße, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte einst ein schwerer Regenguß aufgeweicht. Reb Broide wußte, daß die alte Mutter trotzdem ihren täglichen Synagogengang nicht unterlassen würde. So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen auszulegen, daß seine Mutter trockenen Fußes in die Schul' gehen konnte. Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein Schmerz, daß die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran könnte nur das Schloß an seiner Tür Schuld haben: es war zu fest. So entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, daß die Bettler genau wußten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um ihn nicht zu beschämen.

Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schüler Salanter hinter ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schloß mit dem Satz: »Israel, beschäftige dich mit Strafpredigten und fürchte Gott.« Diese Worte gruben sich dem Jüngling tief in die Seele und bestimmten sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner idealen Bestimmung nicht untreu werden zu müssen.

Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich sein Wort gegen den Übermut der Freude. Der Chassidismus lehrte, Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten, Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die höhere Eingebung, behaupten die Chassidim. Die Freude führt zum Leichtsinn, entgegnen die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlösung, lehrte Rabbi Salanter, und er wurde nicht müde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen. Wohltätigkeit und Reue sind die Stützen der Welt. Wenn ein Mensch nur eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor Verleumdung sich durch die Reue hütet, hat er schon eine große Tat vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war überwältigend. Aber der Reiz dieser reinen Persönlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen, daß das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in Schrecken geriet. Man fürchtete, daß die Predigt der Askese zu einer Sektenbildung führen könnte, die das Judentum streng verbietet. So gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen entgegen. Das gab oft verwunderliche Kämpfe, für die die Aufklärung freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der Lilienthalschen Bewegung.

Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jüdische Dichter Abraham Mapu, der dort ein bescheidenes Leben führte und durch Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstübchen auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jüdische Welt als ihren ersten großen hebräischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen Gäßchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus der dumpfen schwülen Atmosphäre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie in die große, glänzende Vergangenheit seines Volkes, und voll Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: »Ahawath Zion«[10], die Zionsliebe, und zeigte dem jüdischen Leser an diesen Schilderungen den Kontrast zwischen ihrem gegenwärtigen trostlosen Dasein und der ehemaligen Pracht und Größe des jüdischen Lebens auf dem eigenen Boden.

Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman: »Ajit Zabua«, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen der jüdischen Art. »Ajit Zabua« begeisterte die Jugend und empörte die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein Werk wurden verpönt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine begeisterten Anhänger unter der jüdischen Jugend. Er war ein Kämpfer für die Aufklärung der Juden. Aber er kämpfte mit ganz neuen, bisher nie gebrauchten Mitteln — mit echter Poesie. Er gab der Jugend neue Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, eröffnete ihnen neue Horizonte und Lebensmöglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu hebräischen Dichtungen begeistert.

Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu sehen. Er gab meinem ältesten Sohne Unterricht im Deutschen und Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemütlichen Plauderstündchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.

Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfänglich sehr angenehm. Mein Mann fühlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit schwand allmählich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amüsierte mich auch. Je nach der Stimmung.

Ich trug noch immer meinen »Scheitel«. Alle übrigen Frauen, auch die älteren in unserem Kreise, hatten sich längst davon befreit. Ich fühlte mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer Frauen zu folgen, obwohl ich wußte, daß mein eigenes Haar mich nur schmücken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die Entfernung des Scheitels. Ich müsse mich den Sitten der Gesellschaft anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.