Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot, seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an Bedeutung und Interesse.

Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde. Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39] sehr viel.

Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann eine geistige Gärung.

Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu unterstützen.

Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer sagt.

Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.

Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei, Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.

Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft umsonst zu erhalten.