Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die Seite zu schaffen.

Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.“ An einer andern Stelle sagt der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.“ Und ferner: „Gedenke ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Und der Psalmist sagt: „Die den Menschen gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.“ In diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in seinem Brief an Nepotianus: „Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht — er hat aufgehört, den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.“ Derselbe Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: „Ich danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.“ Und an den Mönch Heliodorus: „Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit den Mächtigen dieser Welt.“

Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch — so viel ist sicher — zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: „Dein Wille geschehe.“

Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: „Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.“ Damit sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: „Dein Wille geschehe,“ aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. — Lebe wohl!

II. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder — seine Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem Abaelard — Heloise.)

Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.

Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht sicher bist.