Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: „Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme.“ Und zu Jeremia spricht der Herr: „Du sollst für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.“ In diesen Worten gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: „Laß mich und widerstehe mir nicht!“ Der Herr verbietet also, daß man für den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: „Und der Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.“ An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: „Er spricht, so geschieht’s.“ Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.

Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.

Ein anderer Prophet sagt zu ihm: „Und wenn du erzürnt bist, so gedenke deiner Barmherzigkeit.“ Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein will, der spricht mit dem Psalmisten: „Deine Barmherzigkeit und dein Gericht will ich preisen, o Herr.“ — „Die Barmherzigkeit“ — heißt es in der Schrift — „rühmet sich wider das Gericht.“ Aber wohlgemerkt: die heilige Schrift enthält auch die Drohung: „Es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.“

So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.

Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ und weiter: „Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ Ist hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist“ — wie viel dürfen wir dann erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?

Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, „die Weiber haben selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“

Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden, daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält dadurch seine Bestätigung: „Die Weiber haben ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“ Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters erwiesen hat, so haben doch auch hier „die Weiber ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen“; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten. Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.

Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag, und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist um deines Gebetes willen.

Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: „Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes“ und „Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes und bekommt Wohlgefallen vom Herrn“. Weiter heißt es; „Haus und Güter vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn“. Der „Prediger“ aber sagt: „Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist“, und bald darauf: „Ein gutes Weib, ein gutes Teil.“ Und die Meinung des Apostels ist: „Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib“. Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet veranlaßt.

Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in welchem er sagt: „Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.“ Mit dieser — wenn man so sagen darf — Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch aufgehoben.