Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.

Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue Versucher wußte wohl — er hatte es zu oft erprobt — daß die Männer am leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.

So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.

Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen freizusprechen wage.

Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an deinem Körper aushalten mußtest — wie gerne wollte ich ihn — es wäre ja nur recht und billig — mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.

Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: „Ich will meine Klage bei mir gehen lassen!“ d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen meiner Sünden anklagen — so fügt er mit Recht alsbald hinzu: „Ich will reden von Betrübnis meiner Seele“. Der heilige Gregorius erklärt diese Worte also: „Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.“ So ist es denn nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete Zunge bekennt.

Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht der heilige Ambrosius aus in dem Satz: „Ich habe mehr Leute kennen gelernt, die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben“. Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.

Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: „Ich unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ O könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: „Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.“

Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.

Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: „Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.“ Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.