Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an das Wort des Apostels: „Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung“ und ferner: „Das Gesetz aber ist neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde“. Derselbe strenge Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: „So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursach’ zu schelten geben“. Auch der heilige Hieronymus hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: „Wenn sogar diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen“. Auch der heilige Augustin schreibt in seinem Buch „Über die Enthaltsamkeit der Witwen“ an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines Gelübdes: „Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein Opfer entziehen.“ Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert werden kann.
In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?
Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende Bemerkung: „Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird“. Ferner heißt es dort: „Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann“.
Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches Leben zu führen behaupten.
Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: „Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir schuldig waren“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: „So du was mehr wirst darthun, so will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme“.
Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich’s doch klar machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.
Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins Klosterleben genannt werden könne. „Diese Regel, sagt er, haben wir verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt“. Weiter sagt er: „Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.“ Während wir von den heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben als die Kleriker.
Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im Buch der Sprüche von ihm: „Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise … Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach’? Wo sind rote Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?“ Und weiter heißt es: „O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute“. Im Buch Sirach steht geschrieben: „Wein und die Weiber bethören die Weisen“.
Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus „vom Leben der Kleriker“, hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die heutigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)“.
Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet ihnen den Weingenuß: „Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken“. — „Sicera“ heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. „Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.“