Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden wir finden, daß das starke Geschlecht allen Grund hat, darüber zu erröten. Debora, die Richterin des auserwählten Volkes, hat Schlachten geschlagen, als es an Männern gebrach, und nach dem Sieg über den Feind und der Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Fürsten vermählt, hat mittels der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen Haman und das grausame Gebot des Königs zunichte gemacht und hat in einem Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem König beschlossene Sache gewesen war.

Man macht so viel Aufhebens davon, daß David mit Schleuder und Stein den Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgeschoß, ohne irgend ein Waffenstück. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloßes Wort und wandte das Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurück, so daß sie selbst in die Grube fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum Andenken an diese Heldenthat ein jährlich wiederkehrendes Freudenfest eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glänzendsten Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an den Mut der Mutter jener sieben Söhne, die nach dem Berichte des Buchs der Makkabäer zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche der grausame König Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur verleugnend und alles menschliche Gefühl vergessend, hatte nichts als nur Gott vor Augen; so viel Söhne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg vorangehen ließ, so viel Märtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Märtyrertod.

Wenn wir das ganze Alte Testament durchblättern — wo findet sich etwas, das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkäme? Jener unerbittliche Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs äußerste zusetzte, sagt im Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenüber: „Haut für Haut und alles wird der Mensch für sein Leben geben“. Denn uns alle erfüllt der Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkürlich mit solcher Angst, daß wir, um das eine Glied zu schützen, oft das andere preisgeben und keine Mühsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten können. Diese Frau aber hat nicht bloß ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen oder den Götzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von ihnen als daß sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten war. O meine Brüder, durch Ein Gelübde mit mir verbunden, die ihr ohne Scheu tagtäglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und gegen unser Ordensgelübde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes? Oder hättet ihr euch so ganz jeden Schamgefühls entäußert, daß ihr dies anhören könntet ohne zu erröten? Denket daran, meine Brüder, wie der Herr die Ungläubigen drohend auf die Königin von Mittag hinweist: „Die Königin von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen“. Bedenket, daß ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen müsset, als ihre Leistung viel größer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelübde viel enger an euren heiligen Beruf gebunden seid.

Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich bewährt hat, ein besonderes Vorrecht eingeräumt, nämlich daß ihr Martyrium durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden, welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der Geschichte der Makkabäer berichtet wird, daß der ehrwürdige Greis Eleazar, einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des schwächeren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so angenehmer ist und größerer Auszeichnung würdig erscheint, so wurde dieses Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier nicht gewürdigt, da man es für nichts besonderes achtete, wenn das stärkere Geschlecht sich auch im Leiden stärker zeigte. Darum verkündet auch die Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: „Es war aber ein großes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist, daß man’s von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Söhne alle sieben auf Einen Tag nacheinander martern, und litt es mit großer Geduld um der Hoffnung willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, daß sie einen Sohn um den andern auf ihre Sprache tröstete und faßte ein männlich Herz“.

Wer könnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas vergessen? Um den Vater nicht wortbrüchig werden zu lassen an seinem unüberlegten Gelübde, und damit die Gottheit, die sich so gnädig gezeigt hatte, nicht um das versprochene Opfer käme, redet sie selber dem siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zücken. Was glaubet ihr, daß sie als Christin für ihren Glauben gethan hätte, wenn sie von den Ungläubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall genötigt worden wäre? Hätte sie wohl, über Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel gesprochen: „Ich kenne den Menschen nicht“? Zwei Monate wurden ihr noch von ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu fürchten, verlangt sie danach. Sie büßt mit ihrem Leben das thörichte Gelübde des Vaters und löst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit. Sie, die den Vater nicht wortbrüchig sehen kann, wie ferne muß sie selbst davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mädchen für den irdischen wie für den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die Lüge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses hochherzige Mädchen die hohe Auszeichnung verdient, daß alljährlich die Töchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedächtnis an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr leidvolles Schicksal Ausdruck geben.

Um aber von allem andern zu schweigen: Was war für unsere Erlösung und für das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns den Erlöser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestürmen wagte, diesem zu seiner hohen Überraschung entgegengehalten, indem sie ihm zurief: „Was wendest du dich ab? Was weichst du zurück vor meinem Flehen? Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglückliche in mir. Mein Geschlecht hat den Heiland geboren“.

Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des Herrn sich erworben hat? Unser Erlöser hätte ja wohl, wenn er gewollt hätte, von einem Manne seine Körperlichkeit annehmen können, so gut als es ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Körper des Mannes zu bilden. Allein er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwächere Geschlecht geehrt. Auch hätte er sich durch einen andern edleren Teil des weiblichen Körpers gebären lassen können als derjenige ist, durch welchen die übrigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden. Allein um dem schwächeren Körper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen, hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit höhere Weihe gegeben als dies dem männlichen durch die Beschneidung geschehen war.

Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche große Gnade alsbald mit der Ankunft Christi für Elisabeth, die Ehefrau, und für Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe für seine Ungläubigkeit die Zunge noch gelähmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und Begrüßung der Maria das Kind in ihrem Leibe hüpfen fühlte und, indem sie zuerst die erfolgte Empfängnis der Maria prophetischen Geistes verkündete, mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfängnis der Jungfrau zeigte sie an und veranlaßte dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn dafür zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst empfangenen Gottessohn zu erkennen, während er nur auf den längst Geborenen hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaßen einen weiblichen Apostel nennen können, so tragen wir auch kein Bedenken, die Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausführlich gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.

Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: „Vernehmen wir auch, was die Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: Wunderbar — Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines Buches vom ‚Gottesstaat‘ folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle — manche behaupten auch, es sei diejenige von Cumä gewesen — geweissagt haben.“ Man hat von ihr siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie folgt:

„Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters