Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: „Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?“ Und wiederum; „Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme“. Denn das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in Kraft.

Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.

Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande“.

Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: „Aus diesen Erwägungen geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde begehen“. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.

Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: „Laß die Wahrheit nimmer ferne sein von meinem Munde“; denn er gedenkt der schweren Drohung des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: „Zu dem Sünder aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich?“ Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: „Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde“. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: „Arzt, hilf dir selber!“

Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. Die Wahrheit spricht: „Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich“. Es löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm untergebenen Seelen Blut verlangen wird?

Darum spricht die „Weisheit“ folgende Drohung aus: „Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird ein stark Gericht gehalten werden“.

Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der „Sprüche“ warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: „Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern“.

Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand „verhaften“ wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch „in die Hände gekommen“, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat zu befolgen: „Eile, dränge und treibe“ u. s. w.

So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige Hieronymus den Vorwurf macht: „Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen“.