Zur Sünde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz, welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z. B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das Gesetz verbieten und als unrein ausschließen. Denn das Zeugnis unseres Gewissens ist so geartet, daß es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt. Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: „Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun, was vor ihm gefällig ist“. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz richtig, nichts sei gemein in Christus, nur für den sei es so, der es rechne für gemein, d. h. der glaube, daß etwas für ihn unrein und verboten sei.

Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heißen, die das Gesetz seinen Gläubigen verbietet und denen freigiebt, die außer dem Gesetze leben. Daher sind auch die öffentlichen Frauen unrein, und alles Gemeinsame und Öffentliche ist gering und weniger kostbar. Der Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d. h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie gesagt, um den Anstoß des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden. In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: „Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel?“ Das heißt soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Unterstützung von anderen anzunehmen? Denn als der Herr seine Jünger aussandte, sagte er: „Esset und trinket, was ihr bei ihnen findet“, und er hat dabei nicht eine Speise von der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Ungläubigen und vom Götzenopfer herrühren; nur will er, wie oben gesagt, das Ärgernis vermieden wissen: „Ich habe es zwar alles Macht,“ sagt er, „aber es frommt nicht alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch würde sagen: das ist Götzenopfer — so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst, sondern des andern. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeine Gottes“.

Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, daß uns nicht verboten ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen können. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil führen soll, treu bleiben können. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so leben, daß man von uns glaubt, daß wir selig werden. Und so können wir leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgänglichen Forderungen der Natur die Sünde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser Leben durch ein Gelübde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je höher die Stufe war, auf die das Gelübde uns hätte heben sollen.

Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelübdes zuvorzukommen, sagt der Prediger: „Wenn du Gott ein Gelübde thust, so verziehe nicht, es zu halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest“. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: „So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem Widersacher keine Ursach’ geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche umgewandt dem Satan nach“. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend, empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich höheres Leben mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten zu bleiben, damit nicht ein jäher Sturz aus der Höhe erfolge. Dieser Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung an die Jungfrau Eustochium sagt: „Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen sind, um anderer Sünden willen nicht selig werden, was wird aus denen werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wäre es dem Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln, als in die Höhe zu streben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen“.

Wenn wir sämtliche Aussprüche des Apostels nachschlagen, so werden wir finden, daß er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die Männer dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: „Ist jemand beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut“, und: „Bist du los vom Weibe, so suche kein Weib“. Moses dagegen räumt den Männern mehr Freiheit ein als den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau mehrere Männer. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei Männern. „Ein Weib,“ sagt der Apostel, „ist frei vom Gesetz, so der Mann stirbet, daß sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes wird.“ Und an anderer Stelle: „Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten, so laß sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden.“ Und wiederum heißt es: „Ein Weib, so ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu verheiraten, welchem sie will; allein, daß es in dem Herrn geschehe. Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung“.

Nicht bloß eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht, sondern er beschränkt die Zahl der Eheschließungen nicht einmal auf ein bestimmtes Maß; vielmehr, wenn ihre Männer entschlafen sind, gestattet er ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt für die Eheschließung keine bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Sünde der Hurerei entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben. Zwar ist auch die rechtmäßige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz frei von Sünde, allein man übt Nachsicht mit der kleineren Sünde, um die größere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige Sünde zu verhüten, etwas verstattet, wobei gar keine Sünde ist, nämlich die notwendigen Speisen, nur nicht im Überfluß? Denn nicht die Speise wird uns zur Sünde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die begehrt, was verboten ist, die oftmals sich übernimmt und so viel Ärgernis verursacht.

Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefährlich, so schädlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzuträglich wie der Wein? Der größte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm: „Der Wein macht lose Leute, und stark Getränke macht wilde; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach’? Wo sind rote Augen? Nämlich, wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich’s mehr treibe?“ Weiter: „O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn wo Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache der elenden Leute“. Und im Buch Sirach heißt es: „Ein Arbeiter, der sich gern vollsäuft, der wird nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für ab. Wein und Weiber bethören die Weisen“.

Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwähnt doch des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: „Wehe denen, die des Morgens frühe auf sind, des Saufens sich zu fleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter, Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk des Herrn. Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden, weil es nicht Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und Krieger in Völlerei!“ Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er seine Klage aus: „Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von starkem Getränk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem Getränk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getränk; sie sind toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis? Wem soll er zu verstehen geben die Predigt?“ Der Herr spricht durch den Mund Joëls: „Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsäufer!“

In notwendigen Fällen wird ja der Weingenuß nicht verboten; so rät der Apostel dem Timotheus: „Um deines Magens willen, und weil du oft krank bist“ — nicht bloß ‚krank‘, sondern ‚oft krank‘. Noah hat zuerst den Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im Rausch hat er seine Scham entblößt; denn mit dem Wein verbündet sich schändliche Üppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir wissen, geschehen ist. Die Töchter Lots wußten wohl, daß sie den frommen Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith, die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trügerische Mittel allein den stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvätern erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, daß sie Fleisch zu sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem großen Vorbild, haben die Raben, als er in der Wüste sich verbarg, des Morgens und des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk Israel lesen wir, daß es in der Wüste mit der köstlichen Speise der Wachteln genährt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der Wüste das Volk gesättigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist, allerdings nicht enthält, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber die Wüste, die eigentliche Wohnung der Mönche, kennt mehr die Wohlthat des Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelübde der Nasiräer, womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getränke zu meiden.

Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen wir, daß in der alten Zeit den Priestern nicht bloß der Wein, sondern alle geistigen Getränke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch „vom Leben der Kleriker“, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darüber, daß die Priester des alten Bundes darin, daß sie sich aller geistigen Getränke enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: ‚Das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen‘“.