Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;
Lieb’ durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.“
Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.
Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir — das sieht jeder ein — durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, von denen wir das meiste empfangen.
Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung ausgesprochen sein: „So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, der ist’s ganz schuldig“. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, wenn er sagt: „Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern gleichmäßig auf alle zusammen.
Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter — wer wird dann etwas, das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten? Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?
Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines „Pastoralis“ in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden Unterschied gemacht: „Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde gewonnen“. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.
Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen … Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob zum Beispiel nehmen, welcher sagte: „Wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben.“ Solche und ähnliche Beispiele von kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die Schwachen nicht zurückschrecken.
Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der einzelnen Leute verteilt werden — worüber genaue Einzelvorschrift vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen Natur sie erfordert.
Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen für das zarte Geschlecht, das von Natur — wie jeder weiß — schwach und kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der Mund der Wahrheit spricht ja: „Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister“. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des Apostels „ist die Kraft in den Schwachen mächtig“.