Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen, der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus sagt, „richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums“, d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir sprechen: „Du bedarfst nicht meiner Güter“, und der die Gabe nach dem Geber beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: „Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer“; das will sagen: er sah vorher an die Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer angenehm.

Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: „Übe dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens“. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.

Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des Psalmisten gemeint: „Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise“. Nimm dazu noch das Wort des Dichters: „Suche dein Wesen nicht außer dir selbst“.

Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften Joch, zu dieser leichten Last: „Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr mühselig und beladen seid“. Darum hat auch der Apostel einige zum Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte sagte er: „Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie“.

Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit den Worten: „Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen“.

Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben“. Unter rechten Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.

Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“; auch ist uns bekannt, daß der heilige Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.

Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er’s für angemessen hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen Bauwerk sich erheben werde.

Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu sein.

Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!