Wollen wir unsere Beobachtungen über die Gabe der Prophetie bis zu den Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und uns vernehmen lassen, was ihr über Christus geoffenbart worden ist. Vergleichen wir mit ihr sämtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu nennen, so werden wir finden, daß auch mit dieser Gnadengabe die Frauen weit reichlicher bedacht worden sind als die Männer. Augustinus beruft sich auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: „Vernehmen wir auch, was die Sibylle, ihre Prophetin, über ihn sagt: Einen andern hat der Herr den gläubigen Menschen gegeben, daß sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst, daß dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist: Wunderbar — Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines Buches vom ‚Gottesstaat‘ folgendes über sie aus: In jener Zeit soll nach verschiedenen Berichten die Erythräische Sibylle — manche behaupten auch, es sei diejenige von Cumä gewesen — geweissagt haben.“ Man hat von ihr siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie folgt:
„Erde mit Schweiß bedeckt, verkündet die Nähe des Richters
Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein König,
In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.“
Fügt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so kommt heraus: „Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland“.
Auch Lactantius führt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: „Er wird nachmals in die Hände der Ungläubigen fallen. Sie werden mit ihren sündigen Händen dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demütig seinen heiligen Rücken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen, damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hölle sage, woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrönt werden. Für den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrönt, Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreißen, mitten am Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans Licht kommen, als Erstling der Auferstehung“.
Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der größte unserer Dichter, Virgilius, gehört und bei sich bewegt; denn in seiner vierten Ekloge verkündigt er für die nächste Zeit der Regierung des Kaisers Augustus und für das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt Sünden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar über die Welt heraufführen werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumäischen Gedichtes, d. h. der Sibylle, welche die Cumäische genannt wird, habe ihn zu dieser Äußerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstände scheinen ihm im Vergleich mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:
„Laßt mich ein höheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;
Denn nicht jeden erfreut Gestrüpp und niedriges Buschwerk. —
Schon bricht an des Cumäischen Liedes äußerstes Alter,