Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand „verhaften“ wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch „in die Hände gekommen“, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat zu befolgen: „Eile, dränge und treibe“ u. s. w.
So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige Hieronymus den Vorwurf macht: „Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen“.
Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: „Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht“. Und weiter: „Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden“. Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß mißbrauchen. Es steht geschrieben: „Der Tod dringt ein durch unsere Fenster“, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend etwas schwerer zu behüten als sie? „Die Wahrheit“ spricht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten“. Von allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? Und doch steht geschrieben: „Der Mund, der da lüget, tötet die Seele“. Was ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu verwunden vermag? der ohn’ Unterlaß uns nachstellt und besonders die Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: „Seine Lockspeisen sind auserlesen“. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge“. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: „Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen“. Denn was sollte der nicht anzugreifen wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?
Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.
Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber kommen — nach dem Worte des Herrn; „Alle, die kommen, sind Diebe und Räuber“. — „Es sind gekommen,“ sagt Hieronymus, „die nicht gesandt waren.“ Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. „Denn niemand,“ sagt der Apostel, „nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.“ Wirst du berufen, so traure wie eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als wärest du dem Tode entgangen.
Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: „Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er ausrotten soll“.
Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben steht: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“. Und wenn sich später einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie ihnen aufgenötigt worden sei.
Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen gilt das Wort, das in den „Sprüchen“ geschrieben steht: „Ein Thor klatscht in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist“. Denn der Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt als gefürchtet werden soll.
Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.
Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: „Sei nicht ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von den andern“. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln gegen Untergebene giebt, sagt: „Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die Mütter, die jungen als die Schwestern“. — „Nicht ihr habt mich erwählt“ — spricht der Herr — „sondern ich habe euch erwählt“. Alle andern Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes Vorbild und indem er sagt: „Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also“.