Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: „Ich bekenne vor Gott, seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben; andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die gefallen waren“. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; „Wer heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin unrein“.

In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige. Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt — nach dem Worte der Schrift: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ — soll mit einer milderen Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht geschrieben: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn“; ferner: „Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm, als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben“.

Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen: „Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein sollte, als das, was ihm befohlen worden ist“. Es ist uns besser, recht zu thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht, sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch gefährdet wird.

Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten, weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben. So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis des Cyprianus beruft: „Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird“. Ferner sagt er: „Im Evangelium sagt der Herr: ‚Ich bin die Wahrheit‘, nicht aber: ‚Ich bin die Gewohnheit‘. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen“. Weiter: „Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist“.

Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch „über die Taufe“ Kapitel IV: „Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden, das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist“.

Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: „Sicherlich, um des heiligen Cyprianus’ Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, abzuschaffen“. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: „Schäme dich nicht, für deine Seele das Recht zu bekennen“; weiter: „Rede nicht wider die Wahrheit“; und wiederum: „Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all deinem Thun einen festen Ratschluß“. Man soll auch nicht darauf sehen, ob viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. „Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.“ Und die Wahrheit versichert: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“. Alles was kostbar ist, ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. Daher das Wort des Dichters: „Auch vom Feind sollst du dich lassen belehren“.

So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: „Wo nicht Rat ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so gereut’s dich nicht nach der That“. Wenn auch dann und wann eine Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise verlassen hat.

Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.

Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis zurückrufend: „Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet“.

Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurückkehren bis zur Sext; überhaupt sollen sie nie müßig sein, sondern jede soll arbeiten, was sie kann und muß. Nach der Sext soll man zum Essen gehen, falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten bis zur None, in der großen Fastenzeit bis zur Vesper.