Zur Bekleidung des Körpers scheint uns zu genügen ein Hemd, ein Pelz, ein Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darüber ein Mantel. Diesen können die Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstücke doppelt gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen Hausfrau sagt: „Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider“. Die Kleider sollen der Länge nach nicht weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die Ärmel sollen nicht länger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und Füße sollen mit Schuhen und Strümpfen bekleidet sein, und nie sollen die Schwestern barfuß gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frömmigkeit. Für die Betten genügt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weiße Binde tragen, darüber einen schwarzen Schleier, und wo es nötig ist, auf der Tonsur eine Mütze aus Lammfell.
Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles Überflüssige gemieden werden, sondern auch an den Gebäuden und sonstigen Besitzungen. An den Gebäuden zeigt es sich deutlich, ob sie größer oder schöner angelegt sind als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und der Malerei sie schmückend, Königspaläste bauen, statt Hütten der Armut. „Des Menschen Sohn,“ sagt Hieronymus, „hat nicht, da er sein Haupt hinlege, und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Häuser ein?“ Wenn wir uns teure und schöne Pferde halten, so ist das nicht bloß Überfluß, sondern eitler Übermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wächst unser Hunger nach äußerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr müssen sich unsere Gedanken damit beschäftigen und werden von der Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib hinter Klostermauern verschließen, die Seele muß doch dem nachgehen, was draußen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je mehr Besitztum wir verlieren können, desto größer die Furcht, die uns quält; je kostbarer der Besitz, desto mehr hängt man an ihm, desto mehr fesselt er das arme Herz an sich.
Darum ist dafür zu sorgen, daß wir unserem Haus und unserem Vermögen eine bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren, annehmen oder zurückbehalten. Denn alles was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode so vieler Armen als wir mit unserem Überfluß hätten erhalten können. Jedes Jahr also, nachdem die Früchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres zu überschlagen; was übrig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder vielmehr zurückgegeben werden.
Es giebt Leute, die, der weisen Mäßigung vergessend, sich ihrer zahlreichen Familie freuen, während sie doch nur wenig Einkünfte haben. Fällt ihnen nun die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschämter Weise zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben mit den Vätern mancher Klöster ähnliche Erfahrungen gemacht: sie rühmen sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute Söhne zu haben und halten sich für etwas Besonderes, wenn sie unter vielen die größten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankündigen sollten, und weil sie ungeprüft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet sich die „Wahrheit“ in dem Wort: „Wehe euch, die ihr Land und Wasser umziehet, daß ihr einen Judengenossen machet; und wenn er’s worden ist, machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seid“. Gewiß würden sie ihren Ruhm weniger in einer großen Menge suchen, wenn sie statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge hätten und wenn sie sich nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben. Der Herr hat nur wenige Jünger erwählt, und doch ist auch von diesen wenigen einer abgefallen, so daß der Herr selbst sagte: „Habe ich nicht euch Zwölfe erwählt und eurer Einer ist ein Teufel?“ Und wie Judas aus der Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur eine kleine Schar zurück, während viele seiner Jünger hinter sich gingen. Denn der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer, die darauf wandeln. Dagegen ist der breit und geräumig, der zum Tode führt, und viele sind, die sich nach ihm drängen. Darum bezeugt der Herr selbst ein andermal: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“. Und Salomo sagt: „Der Narren Zahl hat kein Ende“.
Darum hüte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, daß nicht unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwählte seien, und daß ihm nicht, während er seine Herde maßlos vermehrt, die Kräfte zu ihrer Überwachung fehlen; sonst möchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des Propheten vorhalten: „Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du nicht erhöht“. Solche Leute müssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten zu besorgen, oftmals auswärts gehen, in die Welt zurückkehren und sie bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wäre für die Frauen eine um so größere Schande, als es für sie mit Gefahren verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.
Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, für den Dienst des Herrn Zeit behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefällig sein will, der scheue sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von seiner Hände Arbeit, um niemand lästig zu fallen und seines Ruhmes nicht verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern über die Sünde trauern, die Kühnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch schon so weit in wahnsinniger Verblendung, daß wir, weil wir nicht selbst predigen können, andere Prediger für Geld werben, und diese Lügenapostel führen wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an die einfältigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld alles, was sie wollen.
Jedermann weiß, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des göttlichen Wortes in Mißachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die Äbte und Obersten der Klöster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen Fürsten und ihre Höfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser zurecht als im klösterlichen. Nach Menschengunst mit allen Künsten jagend verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie — wie oft! — vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hören sie zwar, befolgen sie aber nicht. Er sagt: „Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der Mönch, der außer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem beschaulichen Lebensberuf entfremdet“. Darum: wie der Fisch zum Meer, so müssen wir zu unserer Zelle zurückeilen, damit wir nicht über dem Draußen vergessen, unser Inneres zu hüten.
Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, daß die Äbte dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich über ihre Herde wachen. Als er nämlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gespräch zurückhalten wollte, sagte er offen, er dürfe durchaus nicht außerhalb des Klosters bleiben. Er sagt nicht: „wir dürfen nicht“, sondern: „ich darf nicht“; denn die Brüder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber nicht, es sei denn, daß ihm hierüber, wie dies später geschah, von Gott eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brüder. Für die ständige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, daß er eine Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhängt, nur vom Abt verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, daß der Abt stets mit den Pilgern und Gästen zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gäste da sind, soll er von den Brüdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der Aufsicht eines oder zweier Ältesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille hervor, daß der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an die leckeren Schüsseln der Großen gewöhnt, die Klosterbrüder beim trockenen Brot zurücklasse. Von solchen Menschen sagt die „Wahrheit“: „Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen“. Und ein andermal von den falschen Predigern: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die zu euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben keinen Auftrag von ihm“.
Johannes der Täufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wüste und gab das hohepriesterliche Amt für das Mönchsleben, die Stadt für die Wüste dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so groß war, daß man glaubte, er sei Christus, und er in den Städten viel Gutes hätte wirken können: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er für den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“
Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klösterlicher Ruhe sehnt, der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem Bett, sagt die „Wahrheit“, wird der eine angenommen, der andere wird verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit höchstem Verlangen an ihm hängt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, daß er verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: „Ich suchte des Nachts in meinem Bettlein, den meine Seele liebet“. Dieses Bettlein ist es auch, von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus sie dem klopfenden Freund die oben angeführten Worte zuruft. Denn außer ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Füße zu besudeln fürchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mönch Malchus hat nachher an sich selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den Schafstall verläßt, fällt leicht dem Wolf zum Opfer.